Island

Unknown Pleasures #9: Pete Shelley – "XL1"

Blog mit Video |
9. Jänner 2018, 10:55

Das Album "XL1" aus dem Jahr 1983 zählt zum musikalischen Nährboden des LCD Soundsystem

Dieses Mal wird es persönlicher. Schon länger steht Pete Shelleys Album "XL1" auf der Kandidatenliste für Unknown Pleasures, über Weihnachten ereignete sich dann etwas, das das Album auf eine Art aufdrängte, auf die ich gerne verzichtet hätte. Wie der Zufall es wollte, hörte ich um die Feiertage "XL1" stundenlang im Auto, und in der Zeit erfuhr ich vom Tod des FM4-Kollegen Philipp L'heritier. Das erinnerte mich an eine Begegnung mit ihm.

Vor ein paar Jahren habe ich einmal im Monat im Flex aufgelegt, in dem DJ-Kobel im Café. Wie es sich für ein Nachtgespenst gehörte, tauchte regelmäßig der L'heritier auf. Wir waren nicht befreundet, eher so etwas bessere Bekannte aus derselben Neigungsgruppe. Wir haben meist über Musik geredet, Nerd-Talk.

"Oida, des is leiwand ..."

An einem Abend stand er am oder im Kobel, und wir haben über LCD Soundsystem geplaudert, das gerade lief. Dazu habe ich ein paar Platten aufgelegt, von denen ich dachte, die müsste der LCD-SS-James-Murphy im Schrank stehen haben. Dass Murphy Pete Shelleys "Homosapien" kannte, war nach "North American Scum" klar, das den Song beleiht.

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Der Philipp hat das an dem Abend gelernt. Wahrscheinlich habe ich noch "Villa Albani" von John Cale gespielt, einen weiteren Song, der ins LCD-SS-Universum passt. Sicher weiß ich, dass ich was von Shelleys "XL1" gespielt habe. "Oida, des is leiwand", hat er gesagt und das Cover studiert. Als eine Art Nachruf sei Philipp L'heritier dieser Blogeintrag gewidmet.

Etwas ungelenker Beginn

Pete Shelley zählt zum LCD-SS-Nährboden. Er war Chef der UK-Punk-Band The Buzzcocks. Sein Werdegang in Richtung Postpunk und Dancefloor ähnelt dem Bogen, den das LCD SS über 20 Jahre später spannte. Sein erstes Soloalbum nach den Buzzcocks vollzog diesen Schritt 1981 noch ein wenig ungelenk. Zwei Jahre später kam "XL1".

Das zeitigte, technisch bedeutend aufgerüstet, einen kleinen Hit auf der Insel. Während "Homosapien" noch wegen Anspielungen auf Shelleys Bisexualität von Radiostationen boykottiert worden war, landete "Telephone Operator" in den Charts. Es ist ein Song, der seine Dynamik aus dem Synthie bezieht, Punk-Furor besitzt und ins Popformat zielt.

golden eighties

Der bessere Song folgt gleich darauf: "Many A Time". Den schnalzenden Bass muss man mögen, aber das Zusammenspiel von Synthie und traditionellem Instrumentarium trägt den Song oben, der perkussive Unterbau schiebt mächtig an.

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Im selben Jahr erschien Herbie Hancocks "Rockit". Irgendwie schienen manche der Songs von "XL1" in Verwandtschaft zu Hancocks Single-Hit zu stehen, keine Ahnung, ob sich das überhaupt ausgehen konnte, aber der Mittelteil hier erinnert an "Rockit" – minus Scratching –, war damals also weit vorne.

Altbacken oder modern?

"I Just Wanna Touch" und "You Know Better Than I Know" sind eher herkömmliche Popsongs. Keine Hits, keine Durchhänger. Derart beginnt auch die B-Seite mit "(Millions Of People) No One Like You". Da spielt Shelley gerade genug mit dem Synthie, um den Song heute grenzgängerisch altbacken oder modern klingen zu lassen. Sein Gesang am Ende des Songs ist wieder eine LCD-SS-Vorlage.

Geheimer Hit

Der geheime Hit auf "XL1" ist "If You Ask Me (I Won't Say No)". Auch hier schimmert "Rockit" durch. Im Verein mit Barry Adamson von Magazine (und bald Nick Cave, Jim Russell und Produzent Martin Rushent (The Human League, XTC ...) zieht Shelley den Song in den Nachthimmel.

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"You And I" hängt etwas, hat aber melodieseitig seine Momente, bevor "What Was Heaven?" kommt. Melancholischer Dancefloor-Pop. New-Order-Liga, aber mit einer anderen Gefühligkeit, zwar durchaus autoaggressiv, aber nicht so nägelbeißerisch wie New Order zu der Zeit.

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Dazu passt das rückseitige Coverbild: tiefe 1980er-Jahre. Neonlicht in der Nacht, Einsamkeit suggerierend, Jalousien ... Night Clubbing und die Zeit danach, als After Hour noch kein Begriff war.

Der Song "Twilight" beschließt das Album. Da zwitschern die Vogerln, die Sonne kündigt sich an ... vielleicht kann man das Lied so lesen. Die Müdigkeit kriecht in die Knochen. Die Nachtgespenster gehen schlafen. Farewell, Dear Ghost. (Karl Fluch, 9.1.2017)