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"The Killing of a Sacred Deer": Der Horror in uns selbst

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10. Jänner 2018, 06:00

Eine bitterböse Parabel auf ein gespaltenes Europa: Nicole Kidman und Colin Farrell müssen in Yorgos Lanthimos' Film lernen, mit Schuld umzugehen

Wien – Lässt sich ein Ärztefehler mit einer schicken teuren Uhr kompensieren? Niemand würde diese Frage ernsthaft bejahen. Und doch ist es eine solche Geste, die in The Killing of a Sacred Deer zunächst nicht anstößig wirkt. Der Herzchirurg Dr. Steven Murphy geht gewohnt unemotional an die Dinge heran. Colin Farrell spielt ihn ähnlich wie seine Figur in The Lobster fast automatisiert, halb Modell, halb Mensch. Seit einiger Zeit trifft er sich mit Martin (Barry Keoghan), dessen Vater an seinem Operationstisch verstorben ist. Er will die Verhältnisse geradebiegen. Ob ihn sein schlechtes Gewissen plagt, kann man nicht mit Bestimmtheit sagen.

Vor eine quälende Wahl gestellt: Nicole Kidman will als Anna ihre Familie vor einem düsteren Schicksal bewahren.
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Die Annäherung der beiden vollzieht sich in The Killing of a Sacred Deer auf keinem stabilen Fundament. Zu viel trennt den Arzt und den Jungen voneinander, oder: Nur eine missglück-te Dienstleistung verbindet sie. Murphys Familie ist privilegierte Upperclass, deren Wohlstand Lanthimos wie unter Plastikfolie verpackt anschaulich macht. Die Sexspiele zwischen dem Ehepaar Murphy spiegeln das schön wider. Die von Nicole Kidman verkörperte Anna legt sich wie eine anästhetisierte Patientin ins eheliche Gemach, bis sie der Ehemann dann besteigt. Eine Welt als Bubble, in der symbolische Akte auf kleinen Bahnen zirkulieren.

Mit Martin betritt eine Figur des abgehängten Rests diese Enklave der Selbstzufriedenheit, ein Eindringling. Das Bemerkenswerte am Drehbuch von Efthimis Filippou, mit dem Lanthimos schon seit seinen Anfängen zusammenarbeitet, ist jedoch, dass der Junge selbst auf seinen Status verweist. Er kennt keine Scham, denn er will ja, dass Murphy die Unterschiede bemerkt. Deswegen lädt Martin ihn auch zu sich nach Hause ein, in eine "weniger gute Gegend", wie er sagt, wo sich seine Mutter mit ihren Avancen dem Arzt gegenüber nicht zurückhält.

Es ist verlockend, aber letztlich irreführend, Lanthimos' beißende Parabel auf ein gespaltenes Europa als Horrorfilm zu verstehen. Der griechische Regisseur hat sich in noch jedem seiner Filme, von Dogtooth über Alpen bis zum bereits international produzierten The Lobster, für Versuchsanordnungen interessiert, in denen soziale Unterschiede hervortreten. Er ändert dafür die Rahmenbedingungen so stark, bis "unsere Realität" zur Kenntlichkeit entstellt wird. Alpen ist im Vergleich besonders aufschlussreich: Aktivisten dringen in die Wohnungen vereinsamter Menschen ein, um die Rolle von deren verstorbenen Liebsten zu spielen.

Gefühl des Unabwendbaren

The Killing of a Sacred Deer verhält sich dazu wie ein Vexierbild, denn Martin soll natürlich von der Welt der Murphys ausgeschlossen bleiben. Er wird nur so lange toleriert, wie er eben unauffällig bleibt und sich an die Regeln hält. Doch dieser verweigert sich nicht nur, sondern übernimmt den aktiven Part, um, wie er sagt, so nahe an die Gerechtigkeit zu kommen, wie es geht. Martins Eigensinn rückt den Film in die Nähe des "evil child movie". Lanthimos und sein Kameramann Thimios Bakatakis nutzen aber eher die formale Textur des Genres, um ein beklemmendes Gefühl der Unabwendbarkeit zu erzeugen. Die seltsame Taubheit, in der das Geschehen wie in einer zeitgenössischen Variante einer griechischen Tragödie seinen Lauf nimmt, verdankt sich distanzierten Einstellungen, Halbkreisfahrten und Obersichten, welche die Bewegungsfreiheit der Figuren einzuschränken scheinen. Nur Martin, den der Ire Keoghan mit passiv-aggressiver Note sehr eindringlich verkörpert, ist gleichsam überall zugleich.

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Filippou und Lanthimos müssen sich dabei an keine Regel der Wahrscheinlichkeit halten. Ihren Mythos entlehnen sie aus der Antike. Als Artemis' geliebter Hirsch von Agamemnon getötet wird, verlangt sie von diesem der Gerechtigkeit halber ein gleichwertiges Opfer, den Tod von dessen Tochter Iphigenie. Martin wird in The Killing of a Sacred Deer zum sanft psychotischen Überbringer derselben Logik. Auch er verlangt von dem Chirurgen, der den Tod seines Vaters anscheinend mitverschuldet hat, ein Opfer. Steven Murphy soll ein Familienmitglied töten, ansonsten würden alle qualvoll zugrunde gehen. Das erste Menetekel lässt nicht lange auf sich warten. Murphys Sohn wacht eines Tages auf und kann seine Beine nicht mehr bewegen.

Blinder Fleck

Der Film trifft mit seiner Erzählung einen blinden Fleck jener beliebten Schuldnarrative des europäischen Autorenkinos, von Michael Haneke und Ruben Östlund abwärts, die sich schon mit der Aufdeckung von Missständen, der Gräben innerhalb der Gesellschaft zufriedengeben. In The Killing of a Sacred Deer zwingt dagegen die Forderung nach einem Opfer zur Konfrontation mit sich selbst. Die Schuld lässt sich nicht mehr ignorieren oder kompensieren. Das Opfer fordert mit aller Macht, den anderen als Subjekt anzuerkennen und damit den eigenen Status zu hinterfragen. Lanthimos lässt es Martin mit Aberwitz versinnbildlichen, wenn er sich ein Stück Fleisch aus dem Arm beißt und meint, dies sei nur eine Metapher.

Den Schmerz, könnte man sagen, spürt man eben erst, wenn es wehtut. Mit einer an Luis Buñuels Bloßstellungen von Scheinmoral erinnernden Trockenheit macht sich Lanthimos daran, die Unfähigkeit der Murphys zu veranschaulichen, mit Verzicht umzugehen. Die wattierte Atmosphäre des Films, die unheilschwangere Musik von György Ligeti, beides bereitet schon darauf vor, dass Lanthimos seine Parabel konsequent zu Ende denkt. Die Familie muss sich mit einer Schuld arrangieren. The Killing of a Sacred Deer erzählt von der Anerkennung des Außen durch eine Gesellschaft, die glaubt, gegen alle Forderungen immun zu sein. (Dominik Kamalzadeh, 10.1.2018)

Ab 12.1. im Kino