Das Versprechen, eine bessere Welt zu gestalten

14. Jänner 2018, 08:00

Industriedesignerin zeichnet Beginn der Do-it-yourself- und Recycling-Bewegung nach und erhält dafür Förderpreis

Wien – Im Jahr 1972 gerät die Erde ganzheitlich in den Blick. Das Foto Blue Marble, das im Rahmen der Apollo-Mission aufgenommen wird, zeigt den Planeten Erde inmitten der Weiten des Weltraums und wird zur Ikone. Diese Entdeckung läutet aber auch eine Krise ein: Die Abgeschlossenheit des Lebensraums und seine potenziell düstere ökologische Zukunft werden erkannt. Das neue Umweltbewusstsein schlägt sich auf politischer Ebene nieder und spielt eine große Rolle für die Anliegen der studentischen und grün-alternativen Bewegungen. Es geht aber auch grundlegend in die Konsum- und Objektkultur ein, wie die Design- und Kulturwissenschafterin Martina Fineder-Hochmayr in ihrer Dissertation herausarbeitete.

Für die Doktorarbeit mit dem Titel "The Promise of the Alternative – The Development of Socially and Ecologically Responsive Design and Consumer Culture during the 1970s in West Germany" erhielt sie im vergangenen Jahr den Award of Excellence des Wissenschaftsministeriums. Diverse Materialien wie Zeitungs- und Magazinartikel, Ausstellungskataloge, Werbungen, Interviews, aber auch die Designobjekte selbst untersucht habend, zeichnet Fineder-Hochmayr darin nach, wie zu dieser Zeit Do-it-yourself- und Recyclingbewegungen entstehen und welche Ästhetik mit ihnen einhergeht.

1974 gründete Jochen Gros an der Hochschule für Gestaltung in Offenbach am Main die Gruppe Des-In, die einen ökologisch nachhaltigen Anspruch an Design stellte und Möbel aus Recyclingmaterien entwarf. Lampen aus Offsetdruckplatten und Sofas aus Autoreifen wurden zu möglichst geringen Preisen verkauft beziehungsweise ihr Design als Do-it-yourself-Anleitung verschenkt.

"Jutte statt Plastik"

Ausgehend von solchen institutionalisierten Projekten, dokumentiert Fineder-Hochmayr in ihrer Arbeit auch Beispiele aus der Alltagskultur wie etwa die Bewegung, die sich rund um den Slogan "Jutte statt Plastik" bildete. Die Recyclingästhetik macht sich auch im Design von Objekten aus neuen Materialien bemerkbar: Die Farbe Weiß weicht zunehmend beigen und kartonfarbenen Entwürfen.

In ihrer Archivarbeit hat sich Fineder-Hochmayr anhand von bekannteren Aspekten weitergegraben. "Eine Schwierigkeit ist, dass viele der besagten Objekte nicht erhalten sind, weil sich diese Bewegungen auch einer gängigen musealen Sammlungspraxis entziehen wollten", sagt sie. Zum Alternativsein gehörte auch, sich der offiziellen Dokumentationskultur zu verschließen.

Der Fokus auf die 1970er-Jahre in Westdeutschland sei für die Untersuchung dieses Themas besonders interessant, da hier eine starke Designkultur vorherrsche. "In Deutschland gibt es eine rigide Vorstellung von richtiger Form", sagt Fineder-Hochmayr. Daher war der Bruch mit diesen Idealen in den 1970er-Jahren hier besonders stark spürbar. Initiativen wie Des-In seien als materieller Ausdruck der zu dieser Zeit aufkommenden ökologischen Debatten angesehen worden, die sonst oftmals abstrakt blieben.

Angesagte Ethik

Viele Spielarten dieser Ästhetik gingen nachhaltig in die Designkultur ein und sind auch heute noch fester Bestandteil darin. "Anders ist allerdings, dass dies nicht mehr gegenkulturell wahrgenommen wird", sagt Fineder-Hochmayr. Ethisch produzierende Linien seien angesagter denn je, sie seien aber nicht mehr in einer Öko-Welt verhaftet, sondern im Mainstream angekommen.

Martina Fineder-Hochmayr ist studierte Industriedesignerin und lehrte Design an der Universität für angewandte Kunst Wien und an der Akademie der bildenden Künste Wien. Darüber hinaus arbeitete sie als Kuratorin für Designausstellungen im Neuen Museum Nürnberg und im Wiener Museum für angewandte Kunst (Mak). "Wir arbeiten nach wie vor an den gleichen Problemen", ist ihr Fazit. "Viel schlimmer wäre es aber gewesen, wenn man vergessen hätte, was in den 1970er-Jahren aufkam. Selbst damals gab es Stimmen, die befürchteten, diese Ideen würden als Mode abgetan und niemand würde sich mehr um die Anliegen dahinter kümmern", sagt Fineder-Hochmayr. (Julia Grillmayr, 10.1.2018)