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"Philip K. Dick's Electric Dreams": Wenn Träume wahr werden

12. Jänner 2018, 07:30

Die britische Serie wandelt auf den Spuren von "Black Mirror". Ab Freitag ist sie auf Amazon Prime abrufbar

Wien – Es ist wie beim Lottosechser: Das größte Unglück im Leben von Menschen kann es sein, wenn Träume wahr werden. Nehmen wir zum Beispiel Ed Jacobson, Schalterbeamter in einer Londoner Bahnstation. Ed führt ein braves und vorhersehbares Leben, täglich erledigt er dieselben Handgriffe, dem Kollegen Tee kochen, Müttern mit dem Kinderwagen helfen, beim Abfahren der Züge in die Pfeife blasen.

Achtung: Wer in groben Inhaltsangaben schon Spoiler sieht, sei alarmiert und vor dem Weiterlesen gewarnt.

Timothy Spall spielt den Bahnwärter Ed in der Folge "The Commuter".
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Daheim warten Ehefrau und noch mehr Fadesse, wenn da nicht Sohn Sammy wäre. Der Herr Sohn ist leider etwas missraten und sorgt für Schwierigkeiten, immer und immer wieder. Ed ist geduldig, aber er will das nicht, insgeheim wünscht er den Sohn zur Hölle, und dann geschieht etwas Neues, Unerwartetes, und Ed ist über kurz oder lang mit der Tatsache konfrontiert, dass nämlich auch Gedanken nicht frei sind.

Kurzgeschichten aus den 1950er-Jahren

Darauf haben viele gewartet: Seit Freitag ist die britische Anthologieserie "Philip K. Dick's Electric Dreams" auf Amazon Prime abrufbar. Zehn Folgen basieren auf frühen Kurzgeschichten des Science-fiction-Autors aus den 1950er-Jahren, wurden in die Jetztzeit oder originalgetreu in die Zukunft gesetzt. Allesamt laden sie zum Eintritt in philosophische, gesellschaftspolitische, psychologische oder tiefenpsychologische Räume ein, in der es sich vortrefflich über offene und versteckte Bedeutungen rätseln lässt. Ein Rezept, das ebenfalls Channel 4 schon für "Black Mirror" verfolgt.

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Dick bürgt in dieser Hinsicht auf Amazon für Qualität: Seit 2015 regieren in "The Man of the High Castle" nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs Deutsche und Japaner die USA. Eine dritte Staffel ist im Werden und soll im Lauf des Jahres abrufbar sein.

Ort der Wendungen

Der Bahnhof ist spätestens seit Harry Potter und "16 Uhr 50 ab Paddington" Ausgangspunkt für gleichermaßen magische wie lebensgefährliche Wendungen, und auch in der Folge "The Commuter" ist er Durchgangsstation für eine fantastische Geschichte. Für Ed öffnet sich plötzlich ein Tor und dahinter eine Möglichkeit.

Denn plötzlich steht eine junge Frau am Schalter und verlangt ein Ticket nach Macon Heights. Gibt's nicht, sagt Ed. Er müsse es wissen, schließlich sitzt er seit zwanzig Jahren an diesem Platz. Und im nächsten Moment ist die junge Lady weg, wie vom Erdboden verschluckt. Als sich die Szene wiederholt, glaubt Ed zu träumen.

Problemkind

Höchst real hingegen die Situation daheim, der Sohn ein Problemkind, der Frau kann er es nicht recht machen. Und dann steigt Ed ein. In den Zug, den es nicht gibt, der ihn in knapp einer halben Stunde nach Macon Heights an einen Platz, der nicht existiert. Der Zug hält nicht, aber wie auf Kommando springen etliche Mitreisende aus dem Zug. Sie landen auf einem Feld, Brachland, alle gehen in eine Richtung, Richtung Macon Heights, neue Welt. Besser?

Geraldine Chaplin in der Folge "Impossible Planet".
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Die Hoffnung stirbt zuletzt, lässt sich am Ende sagen. Neun weitere Episoden sind zu erleben, durchaus prominent besetzt, etwa mit Steve Buscemi ("Boardwalk Empire") und Sidse Babett Knudsen ("Borgen", "Westworld") in "Crazy Diamond", Bryan Cranston ("Breaking Bad") in "Human Is" und Geraldine Chaplin in "Impossible Planet". Den Bahnbeamten Ed spielt Timothy Spall, Langzeitdarsteller von 1983 bis 2004 der in Großbritannien beliebten Sitcom "Auf Wiedersehen, Pet". (Doris Priesching, 12.1.2018)