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Delfine erkennen eigenes Spiegelbild früher als Menschen

11. Jänner 2018, 19:40

Dass Delfine die Fähigkeit zur Selbstwahrnehmung besitzen, weiß man schon länger. Nun zeigte sich, dass sie dabei alle anderen Arten abhängen – auch uns

New York / Wien – Der Spiegeltest ist heute ein Standardexperiment zur Erforschung der Selbstwahrnehmung bei Tieren. In verschiedenen Varianten wird dabei überprüft, ob sich ein Tier selbst im Spiegel erkennt. Als besonders deutlicher Indikator gilt der Fleckentest: Dabei wird unbemerkt eine Körperstelle markiert, die vom Testsubjekt ohne Blick in den Spiegel nicht gesehen werden kann – etwa die Stirn. Dann wird beobachtet, ob das Tier begreift, dass sich die Markierung am eigenen Körper befindet.

Die Fähigkeit, sich selbst im Spiegel zu erkennen, konnte nicht für sehr viele Arten nachgewiesen werden: Regelmäßig bestanden wird der Spiegeltest etwa von Menschenaffen sowie Homo sapiens, Elefanten, Delfinen und Krähen. Unterschiede gibt es freilich, ab welchem Alter eine Spezies zu dieser kognitiven Hochleistung in der Lage ist.

Große Tümmler begreifen offenbar schon mit sieben Monaten, wen sie im Spiegel vor sich haben – und hängen damit sogar Menschen ab.
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Aha-Erlebnis unter Wasser

Wie zwei Forscherinnen nun im Fachblatt "Plos One" berichten, stellen die Meeressäuger dabei offenbar alle anderen Arten in den Schatten – selbst den Menschen: Delfine zeigen demnach bereits im Alter von sieben Monaten klare Anzeichen für Selbstwahrnehmung, während sich die Fähigkeit bei Kindern erst ab zwölf Monaten manifestiert, bei Schimpansen ab gut zwei Jahren.

Der Weg zum Selbsterkennen verläuft bei den Arten aber vergleichbar, sagt Studienleiterin Diana Reiss vom Hunter College in New York zum STANDARD: "Gibt man Delfinen einen Spiegel, verhalten sie sich ähnlich wie Kleinkinder. Erst wissen sie nicht, dass sie das selbst sind und halten das Spiegelbild für ein anderes Individuum – bis es so etwas wie einen Aha-Moment gibt."

Neue Perspektiven

Reiss forscht seit Jahrzehnten zu Delfinen. Sie war es auch, die die Fähigkeit zur Selbstwahrnehmung bei den Tieren 2001 erstmals generell nachweisen konnte. Für ihre aktuelle Studie untersuchte sie gemeinsam mit Rachel Morrison von der University of North Carolina at Pembroke zwei junge Delfine über drei Jahre hinweg.

Bayley, ein Weibchen, zeigte demnach bereits mit sieben Monaten ein verräterisch selbstbewusstes Verhalten: Sie nahm vor dem Spiegel ungewöhnliche Positionen ein, drehte sich häufig und sah sich dabei selbst zu. Das Delfinmännchen Foster war zu Studienbeginn schon 14 Monate alt und entwickelte schnell eine Vorliebe dafür, sich verkehrt herum im Spiegel zu betrachten und dabei Luftblasen auszustoßen.

Selbstbetrachtung scheint manchen Delfinen auch großes Vergnügen zu bereiten, so die Forscher.
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Individuelles Verhalten

Der Fleckentest durfte erst später durchgeführt werden – Tierschutzbestimmungen erlaubten bis zum Alter von 24 Monaten keinen direkten Mensch-Tier-Kontakt, wie er für die Markierungen nötig ist. Beide Delfine bestanden den Test dann auf Anhieb. Dass sich die Fähigkeit zur Selbstwahrnehmung aber schon viel früher entwickelt hatte, sei aus den Verhaltensweisen evident, schreiben die Autorinnen.

"Das Faszinierende ist, dass sich Delfine vor dem Spiegel so individuell verhalten", so Reiss. "Manche Tiere sehen sich gerne selbst beim Essen zu oder untersuchen ihren Mund oder andere Körperstellen, andere machen bestimmte Bewegungen, wieder andere interessieren sich nicht besonders für ihr Abbild." (David Rennert, 11.1.2018)