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Werdenigg: "Der ÖSV muss keine Vorreiterrolle einnehmen"

11. Jänner 2018, 18:08

Der Österreichische Skiverband setzt nach den Missbrauchsvorwürfen im Skisport zwecks Aufarbeitung auf Experten. Empfehlungen sollen erstellt werden. Das sei gar nicht notwendig, sagt Nicola Werdenigg

Wien – Peter Schröcksnadel ist gut beraten. Oder zumindest deutlich besser als vor zwei Monaten. Im November hatte der Präsident des Österreichischen Skiverbands (ÖSV) noch rechtliche Schritte gegen die über sexuelle Übergriffe berichtende Ex-Skiläuferin Nicola Werdenigg erwogen. Der Schaden war trotz eines späteren Rückziehers des Präsidenten angerichtet, das Image des Verbands ramponiert. Um weiteres Ungemach zu vermeiden, beauftragte der 76-jährige Tiroler mit Heidi Glück eine externe PR-Expertin.

Seither läuft es besser, ist in Sachen öffentlicher Kommunikation Professionalität eingekehrt. Am Donnerstag wurden erstmals konkrete Schritte angekündigt. Aufklärung, Analyse und Prävention seien angesichts der Vorwürfe zu leisten. Der ÖSV stelle sich dem Problem und seiner Verantwortung. Ziel sei es auch, "mögliche Vorfälle für die Zukunft auszuschließen".

Die Strukturen innerhalb des ÖSV soll die Psychotherapeutin und Expertin für Erziehungsfragen, Martina Leibovici-Mühlberger, analysieren. Sie wird die Entwicklung der Rahmenbedingungen seit 1990 aufarbeiten und "ein Programm entwickeln, das es den Athleten und Athletinnen ermöglicht, in ihrer Persönlichkeit gestärkt Spitzenleistungen erbringen zu können".

Expertenbeirat

Ihre Arbeit ergänzt ein Expertenteam unter der Leitung von Beate Wimmer-Puchinger, der Präsidentin des Österreichischen Psychologenverbands (BÖP), das sich vor allem mit Präventionsmaßnahmen beschäftigen soll. Im Mittelpunkt werde der schulische Bereich stehen. Viele ehemalige Schüler österreichischer Skiinternate hatten über ausufernde Gewalt und Übergriffe berichtet.

Des Weiteren wurde unter dem Vorsitz der Opferschutzanwältin Waltraud Klasnic ein Expertenbeirat eingesetzt. Diesem gehören der Psychiater Reinhard Haller, Richterin Caroline List, Gerald Schöpfer, der Präsident des Österreichischen Roten Kreuzes, und Kurt Scholz, der ehemalige Präsident des Wiener Stadtschulrats, an. Gemeinsam soll neben der Behandlung bekannter Fälle auch die Vorlage eines Berichts mit Empfehlungen und Vorschlägen erstellt werden.

Nicht nur Begeisterung

Skeptisch betrachtet die forensische Psychologin Chris Karl das nun vorgestellte Maßnahmenpaket. Die Salzburgerin initiierte mit Werdenigg die gegen Machtmissbrauch und sexualisierte Gewalt auftretende Plattform #WeTogether und ist Obfrau des Projekts "KIMI", das sich der Prävention von sexuellem Missbrauch an Kindern widmet. "Prinzipiell ist es zu begrüßen, dass im Bewusstsein für die Problematik über Maßnahmen diskutiert wird. Wesentlich ist aber, dass alle Sportverbände übergreifend kooperieren und nicht an vielen verschiedenen Konzepten gearbeitet wird", sagt Karl zum STANDARD.

Ähnlich äußert sich Werdenigg selbst: "Viele Vorschläge sind bereits erarbeitet und etabliert. Der Volleyballverband hat sich zum Beispiel an den Präventionsvorschlägen der Initiative "100% Sport" des Sportministeriums orientiert. Es ist nicht notwendig, das Rad neu zu erfinden, in Österreich ist man gut aufgestellt. Der ÖSV muss keine Vorreiterrolle einnehmen. Er soll einfach umgehend die vorhandenen Empfehlungen umsetzen." (Philip Bauer, 11.1.2018)