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Die visionäre Kraft von "Momo": Japans Graue Herren

Essay |
13. Jänner 2018, 13:00

Soziale Kontrolle, Quantifizierung von Leistung und die Monetarisierung. Über Michael Endes Märchen-Roman als Vorwegnahme einer digitalisierten Welt – nicht nur in Japan

Kann das, was die Individualpsychologie als "zwanghafte Persönlichkeit" bezeichnet, eine ganze Gesellschaft charakterisieren? Ja, wenn sich die soziale Kontrolle in die Gehirne einnistet und als mehr oder minder sanfter Selbstzwang wirkt. In Japan hat sich dieser Prozess längst vollzogen, und es scheint, dass die westlichen Länder auf demselben Weg sind, ohne dass dies so recht bemerkt würde.

Dabei hatte Michael Ende diese Entwicklung einst in einem seiner Bücher beschrieben, das in Japan ein Best- und Longseller ist. Doch kaum jemand kommt auf die Idee, einen Zusammenhang zur heutigen Wirklichkeit herzustellen. Momo ist ja nur ein "Märchen-Roman"...

Michael Ende hatte ein Faible für die altjapanische Kultur. Er war in zweiter Ehe mit einer Japanerin verheiratet, die einige seiner Werke ins Japanische übersetzte, und unternahm ausgedehnte Reisen in dem fernöstlichen Land. Diese Zuneigung war und ist wechselseitig,

Endes Bücher sind bei japanischen Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen bis heute außerordentlich beliebt. In Shinano-machi, Präfektur Nagano, gibt es ein vielbesuchtes Märchen-Museum, in dem eine ganze Abteilung dem süddeutschen Autor gewidmet ist.

Wundersam und wunderbar

Momo, die Hauptfigur des Märchen-Romans, ist ein wundersames und wunderbares Mädchen, mit dem sich ein lesendes Kind leicht identifizieren kann. Andererseits ist in dieser Geschichte aber auch eine böse Macht am Werk, die Grauen Herren nämlich, die den Menschen ihre Zeit stehlen und sie auf eine Weise unter Druck setzen, die unweigerlich an den Stress des "modernen Lebens" im Spätkapitalismus erinnert.

Oft habe ich Studenten und Professoren, deklarierte Ende-Fans oder -Forscher, auf diesen die Struktur des Buch bestimmenden Gegensatz hingewiesen, doch immer nur die typisch japanische, wort- und bedeutungslose Zustimmung geerntet: "Un, soo desunee ..." Weiter in die Thematik vorzudringen war unmöglich. Auch japanische Aufsätze über Momo habe ich gelesen, aber von den sogenannten Literaturwissenschaftern ist ohnehin nicht zu erwarten, dass sie ein Werk der Fiktion, gar ein Märchen, auf die zeitgenössische Alltagswirklichkeit, an der sie selbst Anteil haben, beziehen.

Erstaunt hat mich allerdings, dass selbst Studierende an der Schwelle zum Erwachsenenalter – in Japan wird man mit 20 Jahren großjährig – sich für diese Parallelen nicht interessieren. Als hätte die Lektüre überhaupt nichts mit ihnen selbst zu tun.

Dabei sehe ich tagtäglich, nicht zuletzt an meiner Tochter und ihrem Schulalltag, dass Endes Roman und die gegenwärtige Lebenswirklichkeit sehr wohl miteinander zu tun haben. Offenbar gehört auch noch die Tatsache, dass niemand darüber spricht, zu diesem Syndrom.

Sie sehen den Grauen Herren aus "Momo" zum Verwechseln ähnlich: Japaner beten am Kanda-Myojin-Schrein in Tokio am ersten Arbeitstag des Jahres 2018.
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Fitness als Zwangsmechanismus

Obwohl ich sogenannte "Aktualität" nicht unbedingt als Qualitätsmerkmal von Erzählliteratur erachte (in der Regel schätze ich ihre Unzeitgemäßheit), ist im Fall von Momo nicht zu verkennen, dass die Epoche, in der wir leben, sich immer mehr den von Ende beschriebenen Verhältnissen angleicht. Momo, erstmals 1979 veröffentlicht, ist der Roman der Quantifizierung, Monetarisierung und Digitalisierung der Lebenswelt.

Der Soziologe Steffen Mau hat dieses mit Hochgeschwindigkeit voranschreitende Phänomen in diversen Lebensbereichen beschrieben. Zum Beispiel Gesundheit, oder besser gesagt Fitness, die längst zu einem Zwangsmechanismus ständiger Leistungsverbesserung geworden ist. Dieses endlose Überbieten von Levels gleicht Mau zufolge der Praxis von Computergames mit ihren Highscores, Upgrades und Belohnungspunkten. Darüber hinaus diene die Anbindung an soziale Netzwerke der Motivationssteigerung. Genau dieses fortwährende Rechenschaft-ablegen-Müssen hat Michael Ende in jener Szene vorgezeichnet, wo ein Abgesandter der Grauen Herren den Friseur Fusi besucht. Sehr schön ins Bild gesetzt hat diese Sequenz Johannes Schaaf in seiner Momo-Verfilmung aus dem Jahr 1986.

Der neapolitanische Schauspieler Francesco de Rosa verkörpert dort die ganze Verdatterung eines fühlenden Menschenwesens angesichts der grauen Rechenakrobatik, die ihm der Funktionär des Systems vorführt. Francesco de Rosa geriet später zwischen die Räder des Showbusiness-Getriebes, bekam keine Rollen mehr und erhängte sich 2004.

Ganz so, als hätte er die fatalste Konsequenz der Herrschaft der Grauen Herren im eigenen Leben ziehen müssen. (Man kann hier daran erinnern, dass die Selbstmordrate im hochentwickelten, durchrationalisierten Japan eine der höchsten ist.)

"Zeit ist Geld"

Einer der aufschlussreichsten Aspekte in Maus Studie ist der Umgang mit der Reputation, und zwar nicht nur von Wirtschaftsentitäten, sondern ebenso von Einzelpersonen, in Arbeits- und anderen sozialen Kontexten. Werbung ist in den vergangenen Jahrzehnten nicht nur zu einem zentralen Wirtschaftsfaktor geworden, sie prägt inzwischen auch die Einstellungen und Verhaltensweisen von Menschen, die "ihre Ressourcen und Kompetenzen strategisch richtig einsetzen" müssen, damit sich "nummerische Erträge" ihrer Performanz ergeben, die sie auf nutzbringende Weise darzustellen haben.

"Zeit ist Geld", diese Parole ist alles andere als neu, sie bekommt aber im Zeitalter digitaler Vernetzung und (Selbst-)Kontrolle einen viel dramatischeren, den persönlichen Zeitverlauf bis in die Sekunden durchdringenden Sinn. Der Agent Nr. XYQ/384/b spricht vor dem Friseursalonspiegel in monetären Begriffen vom "Gesamtvermögen" an Zeit und rechnet dem armen Herrn Fusi vor, wie Millionen Sekunden verlorengehen. Der kann am Ende nur "Wow!" sagen ... nein, ein mit Computergames und Facebook-Selfies aufgewachsener Friseurlehrling würde vielleicht diesen Ausdruck gebrauchen, aber Fusi ist einfach nur im Rasiersessel dahingeschmolzen, die Augäpfel treten ihm aus den Höhlen.

"Certamente, cosa devo fare?", das ist der einzige Satz, den er hervorbringt. Er gehorcht, wie mit der Zeit auch alle anderen Figuren der Logik der Zahl gehorchen. Alle außer Momo, die Verkörperung romantischer Fantasie. Auf die Frage, wie alt sie sei, hatte sie zögernd "hundert", dann "hundertzwei" geantwortet. In Wahrheit kann sie überhaupt nicht richtig zählen.

Betrug ist das Versprechen der Agenten, die Menschen könnten durch Rationalisierung Zeit sparen: die Grauen Herren aus der Momo-Romanverfilmung aus dem Jahr 1985/1986.
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Schlichte Gemüter

Die bombastische Rechnung des Agenten der Grauen Herren ist eigentlich trivial, ein Nullsummenspiel – so trivial wie die Rechnungen der Computer mit ihrem ewigen Null-Eins, das sie in so hoher Geschwindigkeit durchführen, dass kein Mensch mitkommen kann. Schlichte Gemüter wie Herr Fusi oder die Jungen und Mädchen der Facebook-Generation lassen sich von sowas beeindrucken.

Betrug ist auch das Versprechen des Agenten, die Menschen könnten Zeit sparen, indem sie ihr Leben und ihre Arbeit rationalisieren. Tatsächlich wächst das Volumen von Arbeit, Anforderungen (Must-do und Must-have) und dem begleitenden Stress in dem Maß, wie Zeit eingespart wird. Der Agent empfiehlt Herrn Fusi, seinen Kunden statt einer halben Stunde nur eine Viertelstunde die Haare zu schneiden, als könnte er sich danach eine Viertelstunde ausruhen. In Wirklichkeit wird er nach dieser Methode seinen Kundenstock vergrößern, in den Betrieb investieren und den Umsatz steigern müssen, genau wie der Wirt Nicola (Mario Adorf im Film), der seine Trattoria in einen Fastfood-Laden umgewandelt hat. Früher hatten die beiden ihre Arbeit geliebt, Herrn Fusi bereitete sie sogar "ausgesprochenes Vergnügen". Kein Wunder, dass er sich dabei Zeit ließ.

Unheimlich ist für den Friseur, dass die Grauen Herren alles über ihn wissen. "In unserer modernen Welt", klärt ihn Agent Nr. XYQ/384/b auf, "haben Geheimnisse nichts mehr verloren." Wir anderen, im 21. Jahrhundert, haben uns daran gewöhnt, dass unser Personalcomputer, vor dem wir mindestens die Hälfte unseres Lebens verbringen, vieles und immer mehr von uns weiß; dass er uns durchschaut, unsere nächsten Gesten und Wünsche vorwegnimmt, Entscheidungen vorschlägt oder an unser statt trifft. Noch unheimlicher – und ebenso tief in die Gewohnheiten der überwältigenden Mehrheit eingegangen – ist die Tatsache, dass wir immer geschäftiger werden, obwohl uns immer mehr Handlungen, Wahrnehmungen und Denkschritte durch Roboter und Algorithmen abgenommen werden.

Wir könnten freier sein

Wir könnten freier sein, aber das ist nicht der Fall, die Versprechungen der Grauen Herren sind Lügen. Wir könnten frei von jeder Zwangsarbeit leben und uns schöpferischen Tätigkeiten zuwenden, doch die Arbeit wächst den einen über den Kopf, während die anderen untätig – im Dauerrausch von Alkohol oder virtuellen Welten – versumpfen.

Die sogenannten Parkinson'schen Gesetze, ursprünglich (1955) wohl als Scherz formuliert, aber mit jenem Wahrheitskern ausgestattet, der guter Ironie eignet, haben ihren Geltungsbereich erweitert. Arbeit dehnt sich in dem Maße aus, wie Zeit für ihre Erledigung zur Verfügung steht. Sie könnte weniger werden, wird aber nicht weniger, sondern führt mehr und mehr ein expansives Eigenleben. Angestellte schaffen sich gegenseitig Arbeit; ist keine da, muss sie eben erfunden werden, auch wenn sie dann nur zum Schein ausgeführt wird. Schein oder Wirklichkeit, Wahrheit oder Lüge, das spielt ab einem bestimmten Zeitpunkt keine Rolle mehr.

Die niedrige Arbeitslosenrate in Japan ist vor allem darauf zurückzuführen, dass eine Unmenge an überflüssiger Arbeit verrichtet wird. Überflüssig unter wirtschaftsrationalen Gesichtspunkten, aber nicht unbedingt unter ästhetischen oder zwischenmenschlichen, die von Momo und ihren Freunden bevorzugt werden.

Kürzlich traf ich auf einem Universitätsfest eine Studentin wieder, die ein Jahr zuvor ihr Studium abgeschlossen hatte und mittlerweile in einer kleinen Werbe- oder Designfirma – man erfährt nie genau, was so eine Firma eigentlich macht – angestellt ist. Schön für sie, einen festen Arbeitsplatz gefunden ... möchte man meinen.

Ressourcen-Verschwendung

Dann aber gestand sie mir, dass sie manchmal am Wochenende zu Hause sitze und weine, aus Unglück über den Zwang und die Sinnlosigkeit, die sie im Beruf täglich erfährt. Als Studentin war sie eine kreative und selbstbewusste junge Frau, mit einer besonderen Begabung für visuelle Gestaltung. Bei der Bewerbung um eine Stelle bei einer Firma, in der sie diese Begabung möglicherweise hätte nutzen können, unterlag sie der Konkurrenz nur knapp. Jetzt wird sie, wie es aussieht, für die nächsten Jahre, wenn nicht Jahrzehnte Telefonanrufe entgegennehmen, Floskeln austauschen, Tee zubereiten, sinnnlose Texte ausdrucken oder kopieren. Vielleicht später einmal ein paar Details auf der Website "gestalten".

Was für eine Verschwendung menschlicher Ressourcen! Dabei hat die technologisch bedingte Rationalisierung bereits so viel Zeit freigesetzt, dass Leute wie sie ohne ständigen Zwang ihren Neigungen nachgehen könnten, egal, ob sie diese in einen – im herkömmlichen Sinn – Arbeitsprozess einbringen oder nicht. Aber die Grauen Herren unserer Tage, die längst unsere Herzen okkupiert haben, zwingen uns, nach den bisherigen Gesetzen weiterzumachen und unsere Lage weiter zu verschärfen.

Wie lange noch? Bis einmal jemand ausfällt, durch Überarbeitung oder durch freiwilligen Abschied aus einer Welt, die in nicht so ferner Zukunft einer Reihe von selbsttätig laufenden Algorithmen gemäß sein wird, aber nicht mehr den Menschen, auf die das System verzichten kann. Die Personen – mit ihren personal abgestimmten Geräten – werden sich dann vergeblich perfektioniert haben.

Die Zeit-Sparer in Michael Endes Roman, zu denen nach der Kampagne der heimlich Herrschenden alle außer Momo gehören, "verdienten mehr Geld und konnten auch mehr ausgeben. Aber sie hatten missmutige, müde oder verbitterte Gesichter und unfreundliche Augen. Selbst ihre freien Stunden mussten, wie sie meinten, ausgenutzt werden und in aller Eile so viel Vergnügen und Entspannung liefern, wie nur möglich war." Freizeit, Erholung, Geselligkeit nach der endlos langen Arbeitszeit bis in die tiefe Nacht hinein, sodass Kinder ihre Väter (und manchmal Mütter) kaum noch zu Gesicht bekommen – auch das kennen wir in Japan zur Genüge. Die heranwachsenden Kinder lesen Bücher, sehen Filme wie Momo – viel Zeit bleibt dafür nicht, weil sie auf der Schule in Stressresistenz, regelkonformes Verhalten und ständige Leistungsüberprüfung eingeübt werden, sodass ihnen jede Sinnfrage vergeht. Die freie Welt Momos und ihrer Freunde bleibt, wenn überhaupt, als fantastisches Sehnsuchtsland erhalten, das nirgendwo, auch nicht stück- oder annäherungsweise, Wirklichkeit werden kann. Das aber bedeutet eine Verkürzung von Endes Roman, eine Beschneidung, die den Autor noch im Grab traurig machen wird. Dieser Umgang mit Literatur entspricht der Selbstbeschneidung, also jener Schizophrenie von Unterwerfung und Eskapismus, die eine vollständig nummerisierte, digital vernetzte Welt fordert und durchsetzt.

Hüter der verrechneten Zeit

Dabei bin ich selbst mit der Zeit ein Grauer Herr geworden. Nicht nur, weil meine Haare grau wurden, sondern weil ich mich als Erzieher immer wieder in die Rolle eines Hüters der verrechneten Zeit, der dahineilenden Sekunden und Minuten, gedrängt sah und diese Rolle nun auf automatisierte Weise ausfülle. Am schärfsten sind die Anforderungen der Schule, nicht nur in Gestalt der Lehrer, sondern auch der Eltern, die das System verinnerlicht haben.

Meine Tochter gehört wie alle Schulkinder der Umgebung zu einer Gruppe, die täglich den Schulweg geht, angeführt von einem mit einem gelben Fähnchen bewehrten Kind. Als meine Tochter in die erste Klasse ging, brauchten die Kinder etwa fünfzig Minuten, fast eine Stunde, für den Schulweg. Die jetzige Gruppe ist etwas schneller. Früher war Punkt sieben Uhr Abmarsch; wenn wir uns ein wenig verspäteten, kam sofort ein Anruf einer der Mütter am Handy. Es herrschte die Tendenz, die Kinder eher ein bisschen früher loszuschicken, manchmal schon um fünf vor.

Einmal machte ich diese Mutter darauf aufmerksam, um vorsichtig anzudeuten, das sei unhöflich und erzeuge Stress. Doch die Mutter stimmte begeistert zu: Ja, eine Leistungsverbesserung, unsere Gruppe gehört zu den Ersten!

Inzwischen geht meine Tochter in einer Gruppe, in der es beim Abmarsch schon mal fünf nach sieben wird, ohne dass eine Kontrollmutter protestiert. Die Kinder lieben es, auf dem Weg ein wenig zu trödeln, um dann wieder zu laufen, nicht nur, um schnell zu sein, sondern auch, weil es Spaß macht.

Tägliche Gewalt

So sind sie neulich ans Schultor gekommen, und meine Tochter – neuerdings die Anführerin, mit Fähnchen – wurde von ihrem Lehrer hart zurechtgewiesen, dann von einem zweiten, einem dritten Lehrer ausgeschimpft. Nicht wegen des Zeitplans, der eingehalten wurde, sondern wegen verbotenen Laufens.

Meine Tochter verbrachte die erste Stunde weinend auf der Schulbank. Beispiele dieser Art könnte ich hunderte geben. Einmal haben wir eine Schule in Dänemark besucht, dort war das Zuspätkommen am Morgen gar nicht verpönt. Die Lehrerin, mit der wir sprachen, erklärte, es sei doch viel wichtiger, dass die Kinder in guter emotionaler und mentaler Verfassung in die Schule kämen. Ich habe damals nicht gefragt, wie sie mit notorischen Zuspätkommern umgehen, denke aber, da müsste zunächst einmal nach den Gründen geforscht werden, statt die Betreffenden lediglich mit Regeln und Strafen zu konfrontieren.

Den strukturellen Zeitdruck, der den Menschen in Japan von Kindheit an eingebläut wird, empfinde ich als tägliche Gewalt, die auf uns einwirkt und mich zu ihrem Agenten macht. Wenn man nicht zu spät kommen will zu Terminen, die sehr wichtig sein können, zum Beispiel beim Arzt, muss man das Kind manchmal drängen.

Vom verbalen Drängen zum Schubsen ist es nicht weit, der Übergang unmerklich. Wo beginnt die konkrete Gewalt? Welcher Vater, welche Mutter kann von sich sagen, gegen solches Verhalten ganz gefeit zu sein. Wir werden selber gezwungen, genau wie die Agenten der Grauen Herren. Wie kann man die dadurch erzeugte Angst überwinden? Momo macht es vor, sie ist ein schlaues Mädchen, das ohne Rechenkünste den Dingen auf den Grund zu gehen versteht. Könnte doch die Identifikation mit ihr tiefer in die japanische, die weltweite, globalisierte Wirklichkeit reichen! (Leopold Federmair, 13.1.2018)

Leopold Federmair ist Schriftsteller, er wurde in Oberösterreich geboren und lebt seit 16 Jahren in Japan. Zuletzt erschien sein Roman Monden im Otto-Müller-Verlag.