Foto: AP/Scott Bauer, Agriculture Department

Bienentod: Forscher entdecken Heilmittel gegen Varroa-Milbe

12. Jänner 2018, 13:42

Stuttgarter Wissenschafter finden durch Zufall, dass Lithiumchlorid die gefährlichen Parasiten tötet

Stuttgart – Könnte das der lange erwartete Durchbruch sein? Deutschen Forschern ist es erstmals gelungen, ein potentielles Medikament gegen die für Bienenstöcke so bedrohlichen Varroa-Milbe zu entwickeln. Der Einsatz der Substanz Lithiumchlorid erfolgte durch Fütterung und erforderte nur einen geringen Arbeitsaufwand, so die Wissenschafter.

Die Varroa-Milbe zählt weltweit zu den gefährlichsten Feinden der Bienen: innerhalb von ein bis drei Jahren kann sie ein Bienenvolk komplett ausrotten. Bislang mussten Imker befallene Bienenstöcke mit aggressiven organischen Säuren oder Milbenbekämpfungsmitteln behandeln, die Resistenzprobleme und Rückstände verursachen.

Andere Wirkungsweise

Nach über 25 Jahren Forschung steht mit Lithiumchlorid nun aber erstmals ein neuer Wirkstoff im weltweiten Kampf gegen die Varroa-Milbe zur Verfügung, der völlig anders wirkt als bisherige Mittel. Derzeit laufen bereits Gespräche mit Unternehmen mit dem Ziel einer Produktentwicklung und Zulassung. Ihre ersten Ergebnisse veröffentlichten die Wissenschafter um Peter Rosenkranz von der Universität Hohenheim (Stuttgart) nun in der Fachzeitschrift "Scientific Report".

Ein günstiger, einfach anzuwendender Wirkstoff gegen die gefährliche Milbe, der nach dem aktuellen Kenntnisstand der Forscher keine bedeutenden Nebenwirkungen für Bienen, Imker oder Verbraucher hat und in der Natur reichlich vorkommt: Das versprechen die Resultate des Forschungsprojektes. Auch für eine Ablagerung im Honig gäbe es laut den Forschern bislang keine Anzeichen.

Erfolg innerhalb weniger Tage

"Lithiumchlorid kann man Bienen in Zuckerwasser aufgelöst füttern. Bei unseren Versuchen haben bereits geringe Mengen der Lösung ausgereicht, um innerhalb weniger Tage die auf den Bienen aufsitzenden Milben abzutöten – ohne Nebenwirkungen für die Bienen", erklärt Rosenkranz, Leiter der Landesanstalt für Bienenkunde.

Auch die Verfügbarkeit spricht für den Wirkstoff: Die weltweiten Vorräte des Leichtmetalls Lithium werden auf über 40 Millionen Tonnen geschätzt, als Lithiumchlorid-Salz findet es sich in Salzlaugen, Salzseen und Heilquellen, und das zum Teil in erstaunlich hoher Konzentration. Das leicht in Wasser lösbare Salz wird unter anderem als Trocknungsmittel und Enteiserlösung verwendet. In der Humanmedizin kommt es seit Mitte des 20. Jahrhunderts als Antidepressivum zum Einsatz.

Bevor der Wirkstoff nun als Medikament für Bienen auf den Markt kommen kann, sind dennoch weitere Tests nötig, um die beste Dosierung zu bestimmen und Nebenwirkungen für Bienen und Anwender sowie das Risiko von Rückständen auszuschließen. Dazu sei man aktuell mit Unternehmen im Gespräch, die diese Entwicklung weiterführen wollen.

Durch Zufall entdeckt

Eigentlich hatte das Team um Rosenkranz einen viel komplexeren Ansatz verfolgt. Die Forscher hatten ursprünglich versucht, bestimmte Gene bei der Milbe gezielt auszuschalten. Die Idee: RNA-Bruchstücke werden an die Biene gefüttert und dann von der Varroa-Milbe beim Blutsaugen aufgenommen. In der Milbe schalten die Bruchstücke lebenswichtige Gene aus. Die Methode zeigte Erfolg, doch dann bemerkten die Wissenschafter bei Kontrollexperimenten, dass auch beim Einsatz von unspezifischen RNA-Bruchstücken die Milben starben.

Fast zwei Jahre dauerte es, bis das Lithiumchlorid als Wunderwaffe gegen den Parasiten gefunden wurde. Die Forscher hatten die Chemikalie als Hilfsmittel bei der Isolierung der RNA-Bruchstücke verwendet, mit deren Hilfe die Gene im Bienenkörper ausgeschaltet wurden. (red, 12.1.2018)