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200 Jahre Frankenstein: Der Horror der Forschung

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12. Jänner 2018, 19:20

Im Jänner 1818 erschien der Roman "Frankenstein oder der moderne Prometheus". Das Synonym für fehlgeleitete Wissenschaft beschäftigt diese bis heute.

Die ikonische Darstellung einer wissenschaftlichen Hervorbringung, die außer Kontrolle geriet: der Schauspieler Boris Karloff in der Maske des von Victor Frankenstein geschaffenen Monsters.
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Wien – 1816 ging als Jahr ohne Sommer in die Geschichte ein. Schuld war der Ausbruch des Vulkans Tambora in Südostasien, dessen Aschewolken rund um den Globus für einen Temperatursturz und dramatische Folgen wie Überschwemmungen, Missernten und Hungersnöte sorgten. Und indirekt war die Eruption des Tambora dafür verantwortlich, dass mit Frankenstein die Mutter aller wissenschaftlichen Horrorgeschichten in die Welt kam.

In diesem nasskalten Sommer 1816 urlaubten nämlich einige exzentrische Briten rund um den Dichter Lord Byron in dessen Villa am Genfersee. Vom Dauerregen einigermaßen genervt schlug Byron vor, sich mit selbstverfassten Gruselgeschichten bei Laune zu halten – eine Idee mit literaturhistorischen Folgen: Die Vampirerzählung, die sich Lord Byrons Leibarzt John Polidori ausdachte, wurde zur Inspiration für Dracula.

Seit 2016 erinnert diese Statue in Genf an Frankensteins Monster.
foto: apa/afp/fabrice coffrini

Ein einflussreicher Einfall

Noch einflussreicher wurde aber die Geschichte, die sich Mary Wollstonecraft Godwin ausdachte, die mit ihrem Liebhaber und späteren Mann, dem Dichter Percy Bysshe Shelley, angereist war: Ihre Erzählung vom Schweizer Wissenschafter Victor Frankenstein, der Gott spielt und aus toter Materie ein menschelndes Ungeheuer in die Welt entlässt, gefiel Byron und Shelley so gut, dass sie der damals 18-Jährigen zuredeten, einen Roman daraus zu machen.

"Frankenstein oder der moderne Prometheus" erschien im Jänner 1818 ohne Angaben zur Verfasserin – und wurde von der Kritik eher wenig begeistert aufgenommen. Richtig populär wurde der Stoff von der Hybris der Wissenschaft und dem menschlichen Monster, das zum Mörder wird, erst viel später durch das Theater und dann durch den Film: Vor allem die freie Verfilmung aus dem Jahr 1931 mit Boris Karloff als Monster prägt bis heute das Bild, das wir von Frankensteins Hervorbringung haben.

Trailer der klassischen Frankenstein-Filmversion von 1931.
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"Mythos der modernen Biologie"

Spätestens seit diesem Film wurde Frankenstein, dessen Hervorbringung bis heute in mehr als 50 anderen Filmen "verarbeitet" wurde, zum Synonym für bedenkliche Hervorbringungen der Forschung: Gentechnisch veränderte Lebensmittel etwa wurden als "Franken(stein)-Food" bezeichnet, jene kürzlich erst erzeugten Mikroben, deren DNA teilweise künstlich erzeugt wurde, als "Frankenstein-Bakterien".

Frankenstein sei der "beherrschende Mythos der modernen Biologie", der bis heute davor warnt, dass Wissenschaft zu weit gehen könnte, meint der Wissenschaftsautor Jon Turney, Verfasser von "Frankenstein's Footsteps: Science Genetics and Popular Culture" (1998). Er ist aber längst nicht der einzige, der sich aus wissenschaftlicher Sicht mit Frankenstein befasste: Neben Turneys Buch kam das Wissenschaftsmagazin "Science" jüngst auf mehr als 250 einschlägige Fachartikel.

Wissenschaftliche Ursprünge

Etliche dieser Texte gingen dem Ursprung der Geschichte nach: Offensichtlich ist, dass die Forschungen von Luigi Galvani, der 1780 herausfand, dass man die Beine toter Frösche mit elektrischer Spannung zum Zucken bringen konnte, eine Inspirationsquelle waren. Noch wichtiger waren aber vermutlich die Versuche seines Neffen Giovanni Aldini, der 1803 die Schädel von Geköpften unter Strom setzte, um sie – natürlich erfolglos – zu reanimieren.

An Aldinis Versuche erinnerte 2013 der Artikel "Heaven: The Frankenstein effect" im Fachblatt "Surgical Neurology International". Unter dem Titel gingen die Autoren darauf ein, dass Aldini eigentlich vorhatte, einen Kopf zu transplantieren. Und genau das hatten auch die Wissenschafter hinter dem Projekt Heaven vor, das als unethisch kritisiert wurde.

Frankensteins Erben von heute

Erst vor wenigen Wochen deuteten zwei der beteiligten Forscher gegenüber Medien an, dass sie eine solche Transplantation bereits durchgeführt hätten und demnächst Details darüber veröffentlichen wollen. Hat die Wissenschaft also bis heute nichts dazugelernt? Und überschreitet sie nach wie vor ihre Grenzen?

Eine Studie im Fachblatt "Science and Engineering Ethics" kommt zu einem etwas anderen Ergebnis: Die beiden Autoren dieser Arbeit aus dem Jahr 2015 simulierten den Antrag, den Victor Frankenstein nach heutigen Maßstäben 1790 beim wissenschaftlichen Ethikbeirat der (damals renommierten) Universität Ingolstadt hätte einreichen müssen. Und die Autoren spekulieren darüber, ob die Geschichte auf diese Weise ein besseres Ende gefunden hätte.

Craig Venter als Shelley-Fan

Einer der Forscher, der heute mitunter als ein moderner Frankenstein bezeichnet wird, ist der Genetik-Pionier Craig Venter. Zu diesem Ruf trugen auch einige seiner rezenten Arbeiten bei, in denen er mit seinem Team in San Diego versucht, ein künstliches Bakterium mit dem kleinstmöglichen Genom herzustellen. (Noch ist das nicht ganz gelungen.)

Das Wissenschaftsmagazin "Science" fragte in Sachen Frankenstein deshalb auch bei Venter selbst nach, der laut "Science" großer Anhänger der Erzählung von Mary Shelley und stolzer Besitzer einer Erstausgabe von "Frankenstein" ist. Shelley habe "mit dem einen Buch mehr Einfluss als die meisten anderen Autoren der Geschichte", so Venter, weil es für den Grundsatz stehe: "Wir dürfen mit Mutter Natur und dem Leben nicht herumspielen, weil das Gottes Strafe nach sich zieht."

Angst vor Innovationen

Venter gibt offen zu, von diesem Grundthema wenig zu halten. Der Frankenstein-Mythos würde sich aber nicht zuletzt deshalb so hartnäckig halten, "weil Angst leicht zu verkaufen ist", so Venter: Wer aber allzu reißerisch vor Frankenstein-Essen und Frankenstein-Zellen warne, auf diese Weise Angst schüre und im Extremfall sogar potenziell wertvolle Innovationen verhindere, würde der Menschheit dadurch mehr Schaden zufügen.

Dieser offensiven Haltung des Gentechnik-Pioniers kann auch der niederländische Philosoph und Ethiker Hank van Belt (Uni Groningen) einiges abgewinnen, der einen Fachartikel über Frankenstein und synthetische Biologie schrieb, also jenen Forschungsbereich, in dem Venter tätig ist: Man könne den Wissenschaftern schon vorwerfen, Frankenstein zu spielen, so van Belt in "Science", aber das sei ein wenig zu einfach. Wenn sich Wissenschafter dem Frankenstein-Vorwurf stellen würden, hätte dieser womöglich weniger Wirkung. (Klaus Taschwer, 12.1.2018)


Zum 200-Jahr-Jubiläum gibt es in "Science" in der Online-Ausgabe ein gelungenes Spezialpaket zu Frankenstein mit lesenswerten Texten, u.a.

Link zu Online-Gratisausgaben von "Frankenstein; Or, The Modern Prometheus" beim Projekt Gutenberg