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Rüberwachsen

Ein salopper sprachlicher Dauerbrenner

In den Postings zu diesem Wörterbuch wird gelegentlich Kritik laut, dass sich darin auch ältere Wörter vorfänden, die Bezeichnung "zur Gegenwart" also unzutreffend sei. In Einzelfällen mag das durchaus zutreffen. Ein Grund dafür ist, dass manche Wörter jahrelang eine geruhsame Existenz führen, ohne dass sie mit meinem Wortschatz in Berührung kommen, ich sie also für neu halte, während sie das in Wahrheit nicht sind. Andererseits will ich mir auch die Freiheit nicht nehmen lassen, meinen Gegenwartsbegriff so weit zu halten, dass ich auch leicht überwuzelte Wörter darin verstauen kann, wenn sie mir gefallen oder aus irgendwelchen Gründen bemerkenswert erscheinen.

Die Formulierung "Lass einmal dies oder das (he)rüberwachsen" habe ich in der Mitte der 80er zum ersten Mal von einem Schüler gehört, der damit beim Mittagessen seine Kollegen, die den Ausdruck ebenfalls nicht kannten, erheiterte ("Lass mir endlich den Salat rüberwachsen"). Inzwischen behauptet das "rüberwachsen" offenkundig seinen festen Platz in der saloppen Alltagssprache. Bei einer kleinen und unsystematischen Google-Recherche bin auf folgende Verwendungsweisen gestoßen (die orthografischen Eigenheiten sind von den jeweiligen Schreibern übernommen): "Lass erst ma n foto rüberwachsen", "Lass mal die software herüberwachsen", "Wieso laßtn du net wieder amal a mail von dir rüberwachsen?", "Lasst ein paar Einträge ins Gästebuch herüberwachsen", "Es wäre nett, wenn mir jemand auch ein KitKat herüberwachsen ließe, ich hab' nämlich Hunger und es ist nichts zu Essen im Haus."

Ich wäre gespannt auf Hinweise, was die verehrten Leser sonst noch alles so "(he)rüberwachsen" lassen, wenn der Tag lang ist.

Von
Christoph Winder

Winders Wörterbuch zur Gegenwart ist ein Work in Progress.

Zweckdienliche Hinweise auf bemerkens- und erörternswerte Wörter sind erbeten an
christoph.winder@
derStandard.at
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