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Würg

Eine kleine Auswahl an Lauten des Ekels

Als politischer Kolumnist der "New York Times" ist William Safire schon in Pension gegangen, als Sprachbeobachter ist er aber immer noch im Dienst. Am Montag hat er sich in der "International Herald Tribune" mit Äußerungen des Abscheus und ihrem Wandel im Lauf der Sprachgeschichte beschäftigt, wobei seine Kolumne beweist, dass sich sprachliche Entwicklungen im Englischen ebenso selten präzise vorhersagen lassen wie im Deutschen. Vor fast zwanzig Jahren hatte Safire noch prognostiziert, dass "Yuck" im Englischen "Ick" als populärsten Ausdruck von Ekel und Widerwillen ablösen werde. Tatsächlich aber, meint Safire heute, habe sich "Ick" erstaunlich gut gehalten – vor allem in Kombination mit dem Hauptwort "factor".

Der "Ick factor" – Ekelfaktor - entspricht dabei etwa dem, was die Bild-Zeitung unlängst in einem Beitrag über Hotelbetten mit "Igitt-Alarm" umschrieben hat ("Schätzungsweise eine Million inkontinente Gäste steigen weltweit in Hotels ab"). Safire setzt sich in seiner Kolumne auch noch mit anderen englische Ekel-Wörtern auseinander: Neben "Ick" und "Yuck" gibt es da noch "Bleah", "Yeech" und "Ew", allesamt Ausdrücke, die nach Einschätzung des Psychologen David McNeill in der Erfahrung verwurzelt seien, "unerwünschte und möglicherweise sogar giftige Stoffe aus dem Mund hinauszudrängen. Die entsprechenden Laute werden hervorgebracht, indem man den Mund hinten schließt, um dem Zeug den Eingang in die Speiseröhre zu versperren, und/oder ihn öffnet, um es auszuspeien."

Auch das Deutsche bietet eine recht farbige Palette von einschlägigen Ausdrücken: Dornseiffs Synonymwörterbuch nennt die Interjektionen "Äks, Bäks, Pfui, Hih, Pfui Teufel, Pfui Deibel". Das schon erwähnte "Igitt" hat eine entschieden bundesdeutsche Note und wird in Österreich, wenn überhaupt, dann nur selten verwendet. Die stark nach Comic-Heft klingenden Wörter "Würg, Spei, Spuck, Kotz" sind als Kurzbeschreibung emotionaler Befindlichkeiten im Internet weit verbreitet (allein für "Würg" gibt es 333.000 Belege in Google!), gelegentlich hört man sie aber auch in der mündlichen (!) Rede als drastische Kundgebungen des Ekels: "Morgen hab’ ich Matheschularbeit – würg, kotz!"

Von
Christoph Winder

Winders Wörterbuch zur Gegenwart ist ein Work in Progress.

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