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Russenluster

Ein Gruß aus dem Osten

Herr C. C., ein treuer Leser dieses Wörterbuchs, schreibt mir: „Von einem Freund, der sich gerade eine neue Wohnung einrichtet hat, habe ich ein Wort aufgeschnappt. Als ich mir seine provisorische Deckenbeleuchtung angeschaut habe, welche nur aus einer Glühbirne bestand und an einem Kabel von der Decke hing, meinte er, dass dieser ,Russenluster’ nur vorübergehend montiert sei. Wäre das etwas für das Wörterbuch?“

Jawohl, das ist etwas für das Wörterbuch, obwohl der Ausdruck nicht neu und ihrem Chronisten schon seit Jahren bekannt ist. Eine kurze Umfrage im Freundes- und Bekanntenkreis hat mir allerdings gezeigt, dass lediglich die Hälfte der Befragten verstand, was mit dem Russenluster gemeint ist.

Der Russenluster bezieht seinen Witz daraus, dass das Wort „Luster“ gemeinhin Assoziationen von Prunk, Luxus und Glitzerpracht hervorruft, hier aber für eine Beleuchtungseinrichtung verwendet wird, die sich just durch die gegenteiligen Eigenschaften auszeichnet, nämlich Nüchternheit und Schmucklosigkeit. Zudem legt das Wort nahe, dass in Russland selbst ein solch spartanisches Beleuchtungsgerät als „Luster“ empfunden würde.

Das ist natürlich ein wenig russenfeindlich, und Freunde einer politisch korrekten Ausdrucksweise werden das Wort besser nicht in den Mund nehmen. Andererseits sollte man sich nicht unbedingt gegen die Einsicht sperren, dass in Russland manche Verrichtungen doch mit einer gewissen Nonchalance durchgeführt werden, die dem Westler manchmal fremd erscheint. Auch der Ausdruck „etwas auf Russisch machen“ deutet ja in diese Richtung. Wäre interessant zu wissen, ob auch dem einen oder anderen Leser zum Russischen etwas einfällt.
Von
Christoph Winder

Winders Wörterbuch zur Gegenwart ist ein Work in Progress.

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