Sozusagen

28. Februar 2006, 15:34

Im Zeichen der Weitschweifigkeit

Frau Y. Z. sucht Auskunft bei Winders Wörterbuch: "Ein echtes Anliegen hab ich noch: Franzobel macht’s, Gert Scobel (u.a.3sat/kulturzeit), der Fernsehwissenschafter Vrääth Öhner in jedem seiner Vorträge, die Dame vom Tapetengeschäft, die mir ,sozusagen eine Zypressen-Tapete’ verkaufen will – sie benennen die Dinge schon, aber eben nur fast, quasi, gewissermaßen, wenn ich so sagen kann, SOZUSAGEN. Ich spüre eine echte Aversion gegen dieses nichtige, von Österreichern wie Deutschen (von den Schweizern nicht, ich würde es sofort einräumen) inflationär gebrauchte Adverb, das in der Mehrzahl der Fälle so gar nichts bedeuten will.

Besonders hierzulande werden die vier Silben schnell und verwischt gesprochen, sodass zur Leere der Aussage noch ein aggressives Zischen kommt. Ich würde so weit gehen zu behaupten, dass der Gebrauch von ,sozusagen’ bei manchen einen Tick-Charakter angenommen hat – heißt das jetzt, die Betroffenen brauchen eine Verhaltenstherapie, oder wird sich das von alleine einrenken? Bitte um eine vorsichtige Einschätzung Ihrerseits!"

Aber gerne. Nach meinem Dafürhalten liegt Frau Y. Z. richtig: Inhaltlich ist "sozusagen" nichtig – doch für den Sprecher ist es psychologisch wichtig. Es kommt dem natürlichen Hang vieler Menschen zur Weitschweifigkeit entgegen und verlängert die Zeit zur Artikulation eines Satzes, welche im besseren Fall dazu genutzt wird, sich zu überlegen, was man überhaupt sagen will.

"Sozusagen" schafft darüber hinaus eine Art Pufferzone zwischen dem Sprecher, dem, was er sagt und seinem Kommunikationspartner: "Man könnte das, was ich sage, so sagen, wie ich es sage, aber wenn Du es gerne anders formuliert hättest, dann habe ich auch nichts dagegen." Ob man dies nun Höflichkeit oder Rückgratlosigkeit nennen mag - eins ist jedenfalls sicher: Wer auf präzise und prägnante Formulierungen Wert legt, der macht um "sozusagen" einen weiten Bogen (oder eine Verhaltenstherapie). Eine kleine Einsetzprobe zeigt, dass man jedem markanten Satz mit der Hinzufügung dieses Wortes auf der Stelle den Garaus machen kann: "Ich kam, sah und siegte sozusagen". "Ich denke, also bin ich sozusagen".

Von
Christoph Winder

Winders Wörterbuch zur Gegenwart ist ein Work in Progress.

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