Nen

14. März 2006, 15:22

Eine kleine grammatikalische Vereinfachung

Ihr Chronist benutzt dieses Wörterbuch ja ab und zu ganz gern dazu, um den p. t Leser mit lehrreichen Erkenntnissen aus seinem Leben einzudecken. Eine Erkenntnis, die ich aus einer zweijährigen Tätigkeit als Sprachlehrer für Ausländer mitgenommen habe, ist die, dass Deutsch, wenn man es denn nicht im frühen Lebensalter von der Mutti erlernt hat, eine geradezu bestialisch heimtückische Sprache ist.

Unsereinem, dem Muttersprachler, fällt ja nicht auf, welche Tücken zum Beispiel bei der Wortstellung lauern: In einem Aussagesatz haben wir normalerweise die Abfolge Subjekt - Prädikat - Objekt: "Ich treffe meine Schwester". Aber kaum setzen wir ein Temporaladverb an den Beginn des Satzes, schaut die Sache gleich ganz anders aus und das Subjekt – ich – steht mit einem Mal hinter dem Prädikat: "Heute treffe ich meine Schwester."

Kinderleicht für unsereinen, aber bringen Sie das einmal armen Fremdsprachigen bei, der womöglich dazu noch grammatikalisch nicht ganz firm ist. Beim Nomen hat der bedauernswerte Mensch nicht nur die Qual der Wahl zwischen drei Geschlechtern, er muss auch noch die Pluralform des Wortes, welche im Deutschen ebenfalls reichlich unregelmäßig ist, dazu lernen. Was wäre es da für eine Erleichterung, wenn man wie im Englischen nur ein grammatikalisches Geschlecht hätte!

In manchen Sprachbereichen wird ja auch offenkundig systematisch in diese Richtung gearbeitet, wie aus dem folgenden Mail von Herrn M.H. hervorgeht: "Darüber stolpert der junge Computermensch immer häufiger: Ursprünglich die gesprochene Kurzform für ,einen’, ist ,nen’ heute in diversen Internetforen, vor allem Computer und die damit funktionierenden Spiele betreffenden, vor jedem Nomen oder Substantiv anzutreffen, egal, ob männlich, weiblich, Singular, Plural: ,Nen’ steht für alles, es ist das deutsche ,the’ geworden. ,Wollte mir nen Festplatte kaufen’ habe ich unter anderem auch schon gelesen. Gott zum Gruße, M."

Dem Puristen wird es bei "nen" den Schweiß auf die Stirn treiben. Wer allerdings an die bemitleidenswerten Menschen denkt, die Deutsch lernen müssen, wird das "nen" vielleicht in milderem Lichte sehen.

Von
Christoph Winder

Winders Wörterbuch zur Gegenwart ist ein Work in Progress.

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