Absurdistan

Redaktion
12. Juli 2006, 15:24
Kein Land wie jedes andere
Kennst du das Land, wo der bürokratische Schwachsinn blüht? Von allen Wortneubildungen der vergangenen Jahrzehnte dürfte "Absurdistan" – denn um dieses Land handelt sich - eine der erfolgreichsten sein: Beeindruckende 4.570.000 Belege hat Google am 25. Mai 2006 bei einer entsprechenden Nachfrage ausgespuckt. Das fiktive Königreich (oder handelt es sich um eine Republik?) ist nach dem Muster von "Afghanistan", "Pakistan", "Kasachstan" etc. gebildet worden, Staatsbezeichnungen also, in denen das aus dem Urdu stammende Wort "Stan" (Land) steckt. "Absurdistan" ist ein Land, das keine Grenzen kennt: Es existiert im Englischen ("A Journey to Absurdistan") gleichermaßen wie im Französischen ("J’habite l’Absurdistan! Tu connais?"), in Filmtiteln ("Geboren in Absurdistan" von Houchang Allahyari) taucht es ebenso auf wie in Romantiteln ("Absurdistan" von Gary Shteyngart). Auch mit einer Homepage kann das Land aufwarten.

Wer Absurdistan entdeckt und die Kunde von ihm in der Welt verbreitet hat, ist nicht mit letzter Klarheit erforscht. Laut Wikipedia wurde Absurdistan in der "New York Times" zum ersten Mal am 30. August 1990 erwähnt ("Moscow, the capital of Absurdistan"), im STANDARD feierte es seinen Einstand am 30. September 1992 in einem Kommentar meines Ressortkollegen Josef Kirchengast ("Absurdistan nennen manche Tschechen und Slowaken ihren bald nicht mehr gemeinsamen Staat.").

Der Wortbildungstypus mit -stan bringt dann und wann auch noch andere Länder hervor als Absurdistan. So ist etwa in der vorwöchigen Ausgabe der "Zeit" von "Pullachstan" die Rede, jenem Land, in dem der deutsche Bundesnachrichtendienst beheimatet ist. Wenn Sie mich fragen, ist das kein besonders gelungener Sprachscherz, weil ja Pullach bekanntlich kein Land ist, sondern ein mittelgroßes Städtchen im bayerischen Isartal (9.180 Einwohner). Aber man versteht so leidlich, was damit gemeint sein sollte: Eine Lokalität, an der es absurd zugeht. Sollten die p. t. Leser bei ihrer Zeitungs- oder Magazinlektüre noch auf andere Stans gestoßen sein, dann bitte ich sie freundlich um Mitteilung.

Von
Christoph Winder

Winders Wörterbuch zur Gegenwart ist ein Work in Progress.

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