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Essi

Das Kindliche am Vokal I

Es hat 35 Krügel im Schatten (mindestens!), der Chronist liegt mit geschlossenen Augen und gut eingecremter Haut auf seiner Bastmatte am Badeteich in Würnitz im Kreutal (NÖ) und genießt die Sonne und den Sommer. Lange gibt er sich einer wohligen Sommersonnentrance hin, die erst unterbrochen wird, als sich mit einem Mal aus dem Hintergrundgemurmel die laute Stimme eines Mannes schält: "Willst was essi, Jaqueline?". Längere Pause. Jacqueline antwortet nicht.

Neugierig geworden, blinzelt der Chronist unter seinem weißen Strohhut hervor in die Richtung, aus der die Stimme gekommen ist. Eine Familienszene. Die Mutter liegt, das Gesicht nach unten gekehrt, schlafend auf einer Badedecke. Jacqueline, vielleicht zwei, zweieinhalb Jahre alt, sitzt, von der Hitze niedergedrückt, neben ihr und rührt sich nicht. Der Mann, offenkundig Jacquelines Vater – er hat eine schmucke Tätowierung (Herz mit Schwert) auf der linken Schulter -, lässt sich durch Jacquelines Schweigen nicht entmutigen und fährt mit einem konkreten Nahrungsangebot auf: "Willst vielleicht ein Wursti?" Jacqueline antwortet nicht, was darauf schließen lässt: Wursti will sie keines, "Oder ein Butterbroti?" Jacqueline schüttelt den Kopf. Also das Butterbroti auch nicht. Der Vater resigniert nur kurz. "Na gut. Heute Abend gibt's dann eh ein Schnitzi".

Der Chronist schließt die Augen, stülpt sich den Strohhut übers Gesicht und denkt in der brütenden Julihitze scharf, aber erfolglos darüber nach, warum Kinder in Österreich kein Brot, keine Wurst und kein Schnitzel essen, sondern Butterbroti, Wursti und Schnitzi essi müssen. Würde das Kind zu Tode erschrecken, wenn man ihm ein Brot anböte, eine Wurst, ein Schnitzel gar? Und woher kommt die Überzeugung, dass es kein besseres Mittel zur kindgerechten Aufbereitung eines Sachverhaltes gibt als das, an die meisten Worte, mit denen man ihn mitteilt, den Vokal "i" anzuhängen? Anders gefragt: Was ist das Kindliche am Vokal "I"? Ein altes sprachliches Mysterium harrt seiner Lösung: Vielleicht können ja die p.t. Leser ein wenig nachdenken, ob ihnen dazu etwas einfällt.

Von Christoph Winder
Winders Wörterbuch zur Gegenwart ist ein Work in Progress.
Zweckdienliche Hinweise auf bemerkens- und erörternswerte Wörter sind erbeten an christoph.winder@derStandard.at.
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