Schön sprechen

3. Jänner 2007, 15:10

Jenseits der Schicklichkeitsschwelle

George W. Bush ist ein notorisches Schandmaul: Als er 1988 von David Fink, einem Mitarbeiter des "Hartfort Courant" gefragt wurde, wovon denn die Rede sei, wenn er mit seinem Vater über Politik spreche, meinte er lapidar: "Pussy" (von der Muschi). Im Wahlkampf 2000 nannte er den New-York-Times-Redakteur Adam Clymer vor laufendem Mikrophon ein "major league asshole", ein "Arschloch der Oberliga". Auch über die jüngste Entgleisung wurde viel Tinte vergossen: Bekanntlich hat Bush Tony Blair beim G 8-Gipfel, ebenfalls vor laufendem Mikrophon, mitgeteilt, dass man Syrien dazu bringen solle, dass es die Hizbollah dazu bringt, "mit der Scheiße aufzuhören".

Frage: Wie geht man sprachlich vor, wenn man solch hässliche Worte hört und seinem Gesprächspartner vermitteln will, dass er die Schicklichkeitsschwelle überschritten hat? In Wien steht für diese Situation eine klassische Formel zu Gebote: "Schön sprechen!" Damit wird der andere ironisch-sanft auf die Vulgarität seiner Ausdrucksweise hingewiesen, doch zugleich gibt der, der zum schönen Sprechen rät, augenzwinkernd zu erkennen, dass er es mit seiner Rüge so ernst auch wieder nicht meint. Schließlich tut es ja gut, wenn man die Dinge bisweilen unverblümt beim Namen und die Scheiße auch wirklich Scheiße nennt. Es würde mich interessieren, ob die nützliche Wendung "Schön sprechen" auch anderswo als in Wien in Gebrauch ist.

Von Christoph Winder
Winders Wörterbuch zur Gegenwart ist ein Work in Progress.
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