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Klassiker

Ausnahmsweise einmal nicht Goethe

Der Chronist war unlängst in ein Gespräch mit zwei Damen vertieft, als es mit einem Male in der Handtasche der einen Dame laut zu klingeln begann. Obwohl sie sofort geistesgegenwärtig den Reißverschluss öffnete und sich in Windeseile durch den voluminösen Tascheninhalt wühlte, war die Zeit doch zu kurz, und als sie endlich ihr Handy herausgefischt hatte und in Händen hielt, da hatte der Anrufer auch schon aufgelegt. Ärgerlich, so etwas. Die zweite Dame aber kommentierte die Szene mit der trockenen Bemerkung "Ein Klassiker!" Gemeint war in diesem Kontext natürlich nicht Beethoven, Mozart, Goethe, Heine, Schiller oder Schubert, sondern die häufig auftretende Situation, dass man sein Handy so gedankenlos oder töricht verstaut hat, dass man es bei einem Anruf nicht rechtzeitig findet.

Ein Klassiker ist hier das, was man beim Fußball eine "Standardsituation" nennt, eine nach der Lebenserfahrung häufig wiederkehrende, "klassische" Situation. Dass sich alte Menschen bei Stürzen häufig die Oberschenkelhälse brechen ist ebenso ein (trauriger) Klassiker wie das Phänomen, dass ich meine Netzfahrkarte für die Straßenbahn just immer dann vergessen habe, wenn ich von einem Kontrolleur (vulgo Schwarzkappler) danach gefragt werde. Wie immer dem auch sei: An meine p.t. Leser richte ich die Frage, was denn in ihrem persönlichen Sprachgebrauch als "Klassiker" im oben genannten Sinn bezeichnet wird.

Von Christoph Winder
Winders Wörterbuch zur Gegenwart ist ein Work in Progress.
Zweckdienliche Hinweise auf bemerkens- und erörternswerte Wörter sind erbeten an christoph.winder@derStandard.at.
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