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Briafkastl

Eine Wiener Drohbotschaft

Der Wiener ist bekanntlich ein urgemütlicher Mensch, nur manchmal muss er halt auch ungemütlich werden. In diesem Falle hat er eine Reihe von aparten Drohformeln in seinem linguistischen Schatzkästchen vorrätig. Zwei davon entnehme ich dem "Wiener Dialektlexikon" des 1999 verstorbenen Schriftstellers Wolfgang Teuschl, welches unlängst im Residenz-Verlag neu aufgelegt wurde: "I reiß dir die Brust auf und scheiß dir aufs Herz" bzw. "I schlatz dir ins Briafkastl". Für Ortsunkundige: Der Schlatz ist die Spucke, vor allem die Spucke in ihrer schleimig-anhaftenden und weniger in ihrer luftig-fluffigen Erscheinungsform.

Aufs erste wirkt die Brust-Ankündigung um einiges brutaler als die mit dem Briafkastl, doch bei näherer Prüfung kam Ihr Chronist zu einer entgegen gesetzten Bewertung des linguistischen Drohpotenzials. Denn dass ein böser Feind einem die Brust aufreißt und dann hässliche Dinge mit dem Herzen anstellt, kommt doch relativ selten vor. Es wäre ein erhebliches Maß an krimineller Energie und eine Kraftentfaltung von Arnold-Schwarzeneggerischen Ausmaßen hierfür erforderlich.

Mit andern Worten: Diese Drohung ist derart übertrieben, dass man sie nicht wirklich ernst nehmen muss. In ein Briafkastl hingegen lässt es sich ohne große Umstände hineinschlatzen – mit überaus unerquicklichen Folgen, wenn man sich einmal vorstellt, dass der Schlatz an einer Zeitschrift oder gar an einem lang ersehnten Liebesbrief....aber ersparen wir uns die Details.

Es ist nur ein Glück, dass böse Menschen nicht in "Microsoft Outlook" hineinschlatzen können, sonst hätten wir außer der Spam-Mail noch ein ganz anderes elektronisches Briafkastl-Problem. Für den Fall, dass die p.t. Leser zu diesen oder anderen Drohbotschaften etwas mitzuteilen haben: Bitte gerne.

Von Christoph Winder
Winders Wörterbuch zur Gegenwart ist ein Work in Progress.
Zweckdienliche Hinweise auf bemerkens- und erörternswerte Wörter sind erbeten an christoph.winder@derStandard.at.
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