Abends Schank, morgens Stall

23. Juni 2008, 17:00
Martin Prinz unterwegs auf der Via Alpina. Er startete bei Triest, wagte sich auf den Jalovec und ließ sich im Gailtal den Speck schmecken
Früher war Kranjska Gora ein Bauernort. Gut 15 Höfe gruppierten sich allein im Ortskern um die Kirche. Heute sind gerade noch vier bewirtschaftet. Der Rest wurde entweder für den Neubau von Ferienwohnungshäusern abgerissen oder steht kurz davor, wie der alte Hof jener 97-Jährigen, die ihre Felder zwar längst verpachtet, doch immer noch ein paar Hühner herumlaufen hat. Während der Erbe, ein Neffe der Alten, dem Vernehmen nach nur mehr darauf wartet, den alten Hof zu Geld zu machen.

Kaum einen Steinwurf entfernt steht der Bauernhof Domen Zerjavs. Der ebenso jung wie entschlossen wirkende Anfangdreißiger mit seinem blonden Jack-Nicholson-Bart ist der einzige Jungbauer Kranjska Goras. Doch selbst er, der vielleicht letzte Orts-Bauer, wird seit seiner Übernahme regelmäßig dazu gedrängt, den Hof ebenfalls aufzugeben und Platz für einen weiteren pseudo-alpinen Ferienwohnungsklotz zu machen. Nicht nur von Immobiliengesellschaften, die mit ihren Käufen die Grundstückspreise in Kranjska Gora bereits so weit in die Höhe getrieben haben, dass sich keiner der Schulkollegen Domen Zerjavs mehr eine Wohnung oder gar Haus im Heimatort leisten kann, sondern auch von Vertretern der Gemeinde.

Was dann anstelle seines Hofes stünde, hat er auf der anderen Seite der Gasse, auf der seine Kinder gerade Ball spielen, jeden Tag vor Augen. Etage für Etage geschlossene Fensterläden und eine fast beängstigende Leere, wie sie in diesen Maitagen auch in der um die Ecke beginnenden Fußgängerzone Kranjska Goras mit ihren auf den Winter ausgerichteten Souvenir- und Sportgeschäften herrscht. Denn im Durchschnitt sind all die Ferienwohnungen gerade sechs bis acht Wochen im Jahr belegt.

Domen Zerjav hat Glück gehabt. Denn hätte es nicht gebrannt, hätte sich auch sein Vater länger mit der Hofübergabe Zeit gelassen. Zu lange, wie die meisten anderen Bauern der älteren Generation. Doch nachdem vor vier Jahren ein Brand sowohl das Wohnhaus wie auch den Stall zerstört hatte, war es für Domen Zerjavs Vater genug gewesen. Der Wiederaufbau war dann bereits Sache seines Sohnes geworden.

Dementsprechend stolz ist Domen Zerjav auch, was man nicht zuletzt in den Augenblicken erkennt, in denen er seinen Stolz hinter einer Haltung der Selbstverständlichkeit zu verbergen versucht. Während sich das Bewusstsein dieser Leistung seinen Weg dann einfach anders bahnt, etwa in der vielleicht nicht ganz realistischen Aussage Zerjavs, er bräuchte seine Mechanikerstelle in der Nachbarortschaft gar nicht mehr, könnte längst vom Hof allein leben. Zumindest überrascht er damit seine ebenfalls mit am Tisch sitzende Frau. Auch wenn sie die Behauptung, der Mechanikerlohn diene nur Extras wie Urlauben, nicht kommentiert. Und vielleicht ist sie in Zusammenhang mit den von Zerjav wenig später beschriebenen Investitionsplänen wie etwa in einen Ausbau von Fremdenzimmern nicht einmal so weit hergeholt, wie es mit der Begründung Urlaub allein schien.

Und Domen Zerjavs Kühe haben sich längst als Tourismus-geeignet erwiesen. Nicht nur im Frühsommer, wenn sie Jahr für Jahr vor dem Almauftrieb Richtung Vrsiè-Pass immer noch die eine oder andere Woche auf den Skipisten weiden und auf diese Weise, ohne dass Zerjavs eigene Futterwiesen angetastet werden müssen, früher zu Grünfutter kommen und gleichzeitig die Grasnarbe der Pisten pflegen. Sondern - als der Hof der Zerjavs brannte - selbst im Winter. Denn nachdem sich niemand weiter um die Kühe gekümmert hatte, nachdem sie aus den Ställen herausgeführt worden waren, hatten sich die Tiere einfach dorthin auf den Weg gemacht, wohin sie immer gingen, wenn sie nach der langen Stallperiode der Wintermonate wieder hinaus dürfen, auf die Skipisten. Und so fanden an diesem Jännermorgen Liftmitarbeiter und auch noch die ersten Skifahrer 30 Kühe im Abschwingbereich eines der Talhänge vor.

So unbeirrt vom Schnee wie Domen Zerjavs Kühe wäre ich in diesen ersten Wochen meiner Fußreise durch die Alpen auch gern geblieben. Doch bereits als ich auf der dritten Etappe vom Plesa, dem ersten höheren Karstgipfel, weit im Norden die schneebedeckten Höhen der Julischen Alpen aufleuchten gesehen hatte, war eine Ahnung dessen dagewesen, was sich mit den ersten Erkundigungs-E-Mails an die Verwaltung des Triglav-Nationalparks und der Slowenischen Bergsteigervereinigung auch bestätigen sollte: An der Südostseite der Alpen war aufgrund der Schneefälle in März und April, nachdem bis dahin weit weniger Schnee als gewöhnlich gelegen war, an ein Begehen der Via-Alpina-Route nicht einmal mit Winterausrüstung wie Tourenski, Steigeisen, Helm und Pickel zu denken, da die nun mit der ersten Hitze einsetzende Schneeschmelze zudem die Lawinengefahr drastisch erhöht hatte.

Auch die Informationen vom Karnischen und dem Pustertaler Höhenweg klangen nicht besser. Weshalb ich mir - mit Ausnahme eines Abstechers auf den zweithöchsten Berg Sloweniens, den Jalovec - Ausweichstrecken für die oberhalb 1600 Meter gelegenen Passagen suchte. Wie etwa die Feld- und Radwege im Gailtal unterhalb des Karnischen Kamms, ständig begleitet vom Rauschen, manchmal sogar Donnern der Schneewassermengen in den Bächen Richtung Gail, die in diesen Tagen als kraftstrotzend aufgewühlter Strom durchs Tal floss.

Und vermutlich färbte diese fast angeberische Energie auch auf das eigene Gehen ab. So als setzte man dem Fluss tatsächlich etwas entgegen, indem man ihn am Ufer aufwärts ging. Pure Überschätzung, die Abend für Abend unmäßigen Hunger und eine so tiefe Müdigkeit erzeugte, dass mich selbst das Elfmeterschießen des Champions-League-Finales nicht wachhalten hatte können.

Während mir die Entstehung des Manchester-Sieges am nächsten Tag von einem Freund am Telefon erzählt werden musste, kann ich mich umso genauer erinnern, wie ich mein Quartier für diese Nacht gefunden hatte: "Jause aus eigener Erzeugung" war auf einer Tafel an der Gailbrücke bei Treßdorf gestanden. Und die Adresse des Bauernhofes der Familie Bachlechner vulgo Fischer, die auch Zimmer vermietet.

Nicht viel später saß ich dann auch vor Speck und Bier in der Stube, die vor gar nicht langer Zeit einmal eine Wirtsstube gewesen war. Doch letztlich, so erzählte mir die drahtige Frau Bachlechner auf meine dementsprechende Frage, wäre es nicht nur immer anstrengender geworden, nach langen Abenden hinter der Schank morgens in den Stall zu gehen, sondern hätte sich auch nicht mehr rentiert. In Ortschaften wie Treßdorf, in denen es früher einmal mindestens drei, vier Wirtshäuser gegeben habe, blieben die Gaststuben schon länger leer. Das liege nicht nur an niedrigeren Promillegrenzen und schärferer Überwachung, sondern auch daran, dass die meisten nicht mehr im Ort arbeiteten und so zur Arbeitszeit oft noch eineinhalb, zwei Autostunden pro Tag kämen. Danach will man natürlich nur mehr nach Hause.

Aber auch Urlaubsgäste, die früher oft zwei, drei Wochen geblieben wären, und im Sommer oft noch länger, existierten ebenfalls längst nicht mehr, erzählte Frau Bachlechner. Und Ähnliches sollte ich auch in anderen Orten, etwa im Pustertal, aber auch im Zillertal immer wieder hören. Doch im Unterschied dazu klang Frau Bachlechner nicht verbittert, stattdessen war etwas Waches, Hellhöriges in ihrem Erzählen. Ein Moment, der sich vielleicht darin fassen lässt, dass jemand wie Frau Bachlechner aufgrund des selbst Erlebten eben nicht längst schon alles weiß, sondern vielmehr eine Ahnung davon hat, dass die Rätsel anhand der gesammelten Erfahrungen doch immer nur größer werden.

Am nächsten Morgen schien die Sonne, ihr Mann machte mir das Frühstück und war mindestens so neugierig wie sie. Als ich dann durch den Ort ging, kam sie mir in ihrer Gailtaler Tracht mit einer Freundin entgegen und sah regelrecht aristokratisch aus. So und nicht anders sollte man durchs Leben gehen, dachte ich mir, und bog auf einem Feldweg Richtung Gail ab. (Martin Prinz/DER STANDARD/Rondo/20.6.2008)

Martin Prinz, geb. 1973, in Lilienfeld, NÖ, aufgewachsen. Schriftsteller und Ausdauersportler, lebt in Wien. Zuletzt erschienen: "Ein Paar", Roman, Jung und Jung Verlag 2007. Derzeit in Produktion ist die deutsch-österreichische Verfilmung des Romanerstlings "Der Räuber". Sein auf der Wanderung entstehender Alpenblog ist noch bis September unter derStandard.at/Alpenblog nachzulesen.

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