Millionen syrische Kinder leiden unter psychischen Störungen

7. März 2017, 10:04

Der syrische Bürgerkrieg hat einer Hilfsorganisation zufolge katastrophale Folgen für Kinder: Sprachstörungen, Bettnässen, Albträume und Drogenmissbrauch nehmen zu

Damaskus/Berlin – Sprachstörungen, Bettnässen, Albträume, Alkohol- und Drogenmissbrauch – sechs Jahre nach dem Beginn des Syrien-Konflikts leiden Millionen syrische Kinder unter psychosomatischen Stresssymptomen. Das geht aus einer Studie hervor, die die Kinderrechtsorganisation "Save the Children" am Montag vorlegte. Die Mehrheit der syrischen Kinder lebt demnach in ständiger, teils panischer Angst vor Gewalt.

Für die Studie "Unsichtbare Wunden. Was sechs Jahre Krieg in der Psyche der syrischen Kinder anrichten" befragten Save the Children und Partnerorganisationen von Dezember 2016 bis Februar 2017 mehr als 450 Kinder, Jugendliche und Erwachsene in Syrien. 84 Prozent der Erwachsenen und praktisch alle Kinder gaben dabei an, dass Schüsse und Bombeneinschläge die größten Stressfaktoren im Alltag der Kinder seien.

Giftiger Stress

71 Prozent der Erwachsenen berichteten, dass Kinder immer häufiger von Bettnässen und unbeabsichtigtem Wasserlassen betroffen seien. Beides sind nach Angaben von Save the Children Symptome von toxischem Stress und posttraumatischen Belastungsstörungen. Toxischer Stress entsteht, wenn dauerhaft eine große Menge an Stresshormonen ausgeschüttet wird.

Die Hälfte der Kinder erzählte bei der Befragung, dass sie sich in der Schule selten oder nie sicher fühlen. 40 Prozent sagten, dass sie sich beim Spielen nicht einmal direkt vor dem Haus sicher fühlen. Über die Hälfte der Erwachsenen berichteten, dass Jugendliche zu Drogen greifen, um den Stress zu bewältigen. Knapp die Hälfte der Erwachsenen beobachtete zudem Sprachstörungen bei Kindern.

Langzeitfolgen

Kinder hätten zwar "eine große Widerstandskraft", erklärte Alexandra Chen, Expertin für Kinderschutz und mentale Gesundheit an der Harvard-Universität. Die "wiederholten Traumata", denen viele syrische Kinder ausgesetzt seien, lösten bei vielen von ihnen aber toxischen Stress aus. Dies könne nicht nur die Entwicklung ihres Gehirns und anderer Organe stören, sondern berge auch ein Risiko für Herzerkrankungen, Drogen- und Alkoholmissbrauch und psychische Erkrankungen wie etwa Depressionen – bis ins Erwachsenenalter hinein.

Weil viele Ärzte aus Syrien geflohen sind und humanitäre Helfer oftmals nicht in die am schwersten betroffenen Gebiete gelangen, erhalten viele Kinder nicht die notwendige psychologische Betreuung. "Kinder in Syrien haben Schreckliches erlebt und mussten zum Teil mit ansehen, wie ihre Eltern getötet wurden, bekommen aber nicht die nötige Hilfe, um ihre Traumata zu verarbeiten", erklärte Marcia Brophy, Spezialistin für psychische Gesundheit von Save the Children im Nahen Osten.

Traumata behandeln

"Es darf so nicht weitergehen", erklärte die Geschäftsführerin von Save the Children Deutschland, Susanna Krüger. Trotz der vereinbarten Waffenruhe werde in Syrien weiter gekämpft. "Das muss sofort gestoppt werden, und humanitäre Hilfe, auch psychologische und psychosoziale Unterstützung, muss endlich alle betroffenen Kinder erreichen." Denn mit einem Ende der Gewalt und mit angemessener Unterstützung könnten sich die Kinder von ihren traumatischen Erlebnissen erholen.

Am 15. März jährt sich der Beginn des Syrien-Konflikts zum sechsten Mal. Begonnen hatte er mit friedlichen Protesten gegen die Regierung von Präsident Bashar al-Assad. Seither wurden nach UNO-Angaben mehr als 310.000 Menschen getötet und Millionen weitere in die Flucht getrieben. (APA, 7.3.2017)