Kollage: Armin Karner

Arnon Grünberg: Wovon lebt der Ersatzvater eigentlich?

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27. September 2017, 14:25

Serie, Teil 7: Autor Arnon Grünberg ersetzt zwei Wochen lang nonstop einen Vater in einer Familie mit vier Kindern in einer niederländischen Stadt und erstattet täglich Bericht

Marjoleins Mutter ist zu Besuch, weil Zora Geburtstag hat. Ich habe noch nicht geduscht; dafür ist frühmorgens natürlich kaum Zeit. Für den Ersatzvater beginnt der Tag mit dem Ausräumen des Geschirrspülers und dem Beschäftigen der Kinder, was auf Angebote hinausläuft, ihnen etwas vorzulesen.

Als ich nach dem Duschen in kurzen Hosen durch die Wohnung laufe – auch der Ersatzvater soll sich ja heimisch fühlen –, sagt Marjoleins Mutter mit leichtem Groninger Akzent:

"Arno, wovon lebst du eigentlich?"

Sie schaut nicht unfreundlich, jedoch argwöhnisch, und ich merke, dass sie denkt, dem Ersatzvater diene seine Rolle nur als Vorwand, sich mal hier, mal da durchzufressen und einzunisten.

"Ich lebe vom Schreiben", antworte ich.

"Oh, das geht also auch."

Selbst arbeitet sie in einem Geschäft, früher hatte sie eine Kneipe.

Sie mag meine Suppe nicht

Wir essen zu Mittag, aber Marjoleins Mutter isst nicht mit. "Sie mag meine Suppe nicht", sagt Marjolein.

Layla, die Zweijährige, sitzt auf der Toilette und ruft: "Mama, fertig!"

"Darf Oma dir helfen?", fragt Marjolein. "Ich bin gerade in der Küche."

Der Ersatzvater wischt keine Hintern ab. Nicht, dass er sich dafür zu fein wäre. Er kämpft zum Beispiel durchaus gegen den Rotz mit Papiertaschentüchern, die danach im Altpapier entsorgt werden müssen. "Wir trennen eigentlich alles", hatte Marjolein bereits am ersten Tag gesagt, und mir war klargeworden, dass – wer ihre Liebe gewinnen wollte – mit dem systematischen Trennen von Abfall anfangen musste.

Wer wischt den Popo ab?

Nachteil der Mülltrennung ist, dass die Tempos von der Kleinsten aus dem Altpapier gefischt und in der ganzen Wohnung verteilt werden; auch eine Form des Recyclings, bereits im Haus bekommt der Rotz ein zweites und mitunter auch ein drittes Leben.

Gut, der echte Vater darf sie auch nur abputzen, wenn Marjolein nicht da ist. Wie viele Kinder – ich kenne das aus meiner eigenen Kindheit – wollen diese Mädchen, dass ausschließlich ihre Mama sie abwischt.

Aber Oma ruft: "Oma hat euch also noch nie den Popo sauber gemacht?" Sie eilt zur Toilette, um Layla abzuputzen. Zu Marjoleins und meinem Erstaunen lässt Layla das zu.

Dann wendet sich der Ersatzvater wieder mit angemessener Freude Zoras grau-gelbem Rotz zu. Schnodder hin oder her, er verliebt sich gerade ein wenig in die Jüngste.

Fortsetzung folgt morgen.

(Arnon Grünberg, 27.9.2017)