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Net deppert: Smarte Lautsprecher

Test |
23. November 2017, 17:27

Unter dem Christbaum werden heuer auch smarte Lautsprecher Weihnachtslieder trällern. Dabei schlägt sich der Platzhirsch von Amazon im Vergleich zu anderen Systemen sehr gut. Ein Selbstversuch

Gute Science-Fiction zeichnet sich dadurch aus, dass sie behutsam auf schlimme Befürchtungen vorbereitet: Künstliche Intelligenz könne irgendwann einmal ganz schön deppert sein, zum Beispiel. Als Stanley Kubrick in seinem Film "2001: Odyssee im Weltraum" den Computer HAL sagen ließ: "Es tut mir leid, Dave, aber das kann ich nicht tun", sah er punktgenau voraus, was sprechende Lautsprechersystem 49 Jahre später alles nicht können – potenziellen Käufern den eigenen Preis verraten etwa.

Einen Tag lang mit dem gerade erschienenen Echo-Lautsprecher der zweiten Generation von Amazon zu plaudern kann viel Spaß machen. Vielleicht sogar so viel, dass man ein ausgeliehenes Exemplar danach kaufen möchte. Fragt man Alexa, die künstliche Intelligenz im Lautsprecher, allerdings nach ihrem Kaufpreis, antwortet sie nur: "Mmh. Ich hoffe, du findest mich so wie ich dich – nämlich unbezahlbar." Ganz schön frech für einen Lautsprecher, gell. Auf erneute Nachfrage rät einem das digitale Frauenzimmer, selber auf Amazon den Preis zu ermitteln. Wie bitte? Alexa, eine der bekanntesten Töchter der Internetrevolution, kann nicht direkt bei Mutti Amazon nachfragen, was sie kostet? Nein, Stanley, sie kann es wirklich nicht.

Nicht so deppert

Was das sprachgesteuerte System für den ausschließlich über eine Tastatur zu ermittelnden Kaufpreis von 99 Euro alles leistet, ist dennoch beachtlich. Alexa verfügt über unzählige sogenannte Skills, das sind Zusatzprogramme, ähnlich den Apps auf modernen Mobiltelefonen. Installiert man einige davon und fragt Alexa, was es Neues gibt, wird sie ihren Zuhörern einen hochgradig individualisierbaren Nachrichtenüberblick ausspucken.

Das ist nicht nur praktisch, weil sich völlig unterschiedliche Quellen wie Tageszeitungen, Radiosender und TV-Stationen mischen lassen, sondern diese auch jederzeit abrufbar sind. Es ist also kein Problem, wenn man während des Ö1-"Morgenjournals" die Morgentoilette erledigen möchte, ohne die wichtigsten Schlagzeilen zu verpassen. Auch ist Alexa letztlich nicht so deppert, wie sie sich bei der eigenen Verkaufsförderung gibt. Als lernfähiges System muss man ihr nur ein paar Mal den vollständigen Namen eines Radiosenders diktieren, bis sie sich die Kurzform merkt. So wird aus "Alexa, spiele den Sender Österreich 1" recht bald "Alexa, spiele Ö1".

Frage und Antwort

Mit dem Lautsprecher zwischendurch ein Spielchen zu spielen kann unterhaltsam sein. Wären da nicht dieselben Gesetze, die für Apps gleichermaßen wie für Skills gelten: Sind sie schlecht programmiert, verderben sie einem die Freude – so passiert bei einem Ableger des Millionenshow-Quiz. Schon mehr als ein Kandidat scheiterte nicht an der Schwierigkeit der Fragen, sondern an einem Fehler im System. Es vertauscht schlicht die Zuordnung von Fragen und Antworten. Oder glaubt Alexa wirklich, dass die korrekte Antwort auf die Frage "Was ist der flächenmäßig größte Staat der Erde?" der verstorbene deutsche Ex-Bundeskanzler Helmut Kohl sein kann?

Einem Lautsprecher mit Computer, der über Sprachsteuerung bedient wird, solche Fehlleistungen anzukreiden, mag pingelig wirken. Ist es auch, wenn man bedenkt, dass Amazons Echo seine primäre Aufgabe aus Ausgabegerät von Tönen unterschiedlichster Art auf hervorragende Weise erfüllt. Da ist zunächst einmal der saubere Klang, der irgendwo zwischen High-End-Küchenradio und einer einfachen Kompaktanlage anzusiedeln ist. Wie großzügig sich das Gerät darin gibt, unterschiedliche Tonquellen zu akzeptieren, sollte auch nicht unerwähnt bleiben: Egal, ob man eine Musik-Bibliothek wie Spotify direkt über Alexa anspricht oder den Echo einfach per Bluetooth-Verbindung als Ausgabegerät für Töne aus einem Computer, Tablet oder Smartphone verwenden möchte – es klappt praktisch in jeder erdenklichen Kombination.

Wie kompatibel und universell einsetzbar das System von Amazon mittlerweile ist, wird auch im direkten Vergleich mit ähnlichen Produkten anderer Hersteller klar. Bereits erhältlich sind das etwas teurere Pendant Google Home (149 Euro) und seit kurzem auch der Sonos One (229 Euro). Der lange angekündigte HomePod (rund 400 Euro) von Apple, der mit seinem ikonischen Lichtauge an der Gehäuseoberseite (siehe großes Foto oben) stark an Stanley Kubricks Computer HAL erinnert, wird es jedenfalls nicht vor Weihnachten auf den deutschsprachigen Markt schaffen. Derzeit kann nur darüber spekuliert werden, was er alles nicht können wird: per Sprachbefehl Musik von einem Dienst wie Spotify abspielen etwa – eine der wichtigsten Grundfunktionen von smarten Lautsprechern also.

Stärken und Schwächen

Im direkten Vergleich der Systeme von Amazon und Google erscheinen die Unterschiede bei der Benutzbarkeit oft marginal. So gelingt es dem System von Google zum Beispiel besser als jenem von Amazon, eine Öffi-Abfahrtszeit auszuspucken. Um eine U-Bahn-Route über Alexa zu erfragen, ist eine langwierige und genaue Syntax bei der Fragestellung nötig. Andererseits schafft es ausgerechnet Alexa besser als der Lautsprecher von Google, auf Fragen zu antworten, die man sonst googeln würde, etwa: "Wer ist Donald Trump?". Beim System von Google muss bei jeder Folgefrage zuerst das Aktivierungswort "Ok Google" wiederholt werden. Das ist zeitraubend und mit der Zeit nervig.

Der Lautsprecher One von Sonos spielt wiederum klangtechnisch in einer anderen Liga: Er kann wohl in vielen Haushalten tatsächlich eine Stereoanlage ersetzen. Allerdings ist es erstaunlich, wie schlecht das Zusammenspiel mit Alexa funktioniert (siehe Sonos One mit Alexa: Der dümmste unter den smarten Lautsprechern vom 5.11.), die sich Sonos von Amazon zur Sprachsteuerung des eigenen System ausgeliehen hat: Man schafft es auf dem Gerät von Sonos nicht, über Alexa sprachgesteuert Lieder von Spotify abzuspielen, der Nachrichtenüberblick wie auf dem Echo lässt sich ebenfalls nicht aktivieren.

Ein letzter Punkt noch, warum das günstigste unter diesen Systemen zum aktuellen Zeitpunkt wohl die beste Wahl ist: Wer will, kann über smarte Lautsprecher längst auch ein smartes Zuhause steuern, also das Licht dimmen, einen Thermostat regeln oder neuerdings sogar den Staubsaugerroboter losschicken. Amazons Echo ist dabei durch die Erweiterbarkeit über Skills besonders offen gegenüber unterschiedlichen Standards: Alexa gibt dem neuen Smart-Home-System von Ikea genau so gern Befehle wie der Jalousie von weniger bekannten Herstellern. (Sascha Aumüller, RONDO, 24.11.2017)