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Industrie als Hebel für regionale Energieautonomie

3. Dezember 2017, 17:06

Das Vorarlberger Forschungszentrum Energie arbeitet an Lösungen zur Nutzung industrieller Abwärme

Dornbirn – 2050 will Vorarlberg energieautonom sein. Erneuerbare Energie aus heimischer Produktion soll den Verbrauch decken. Dieses Ziel hat sich der Landtag 2005 gesetzt. Das Forschungszentrum Energie an der Fachhochschule Vorarlberg soll das Wissen dazu liefern.

Seit 2005 ist der Anteil erneuerbarer Energie im Bundesland um acht Prozentpunkte auf knapp 40 Prozent gestiegen. Der Verbrauch an Heizöl sank um 47 Prozent. Die CO2-Emissionen gingen um fast elf Prozent zurück. Insgesamt verbrauchten Herr und Frau Vorarlberger aber im Beobachtungszeitraum 2005 bis 2015 knapp ein Prozent mehr Energie. Das Etappenziel, minus zehn Prozent bis 2015, wurde nicht erreicht.

Ein wesentlicher Grund dafür ist laut Monitoringbericht der Landesregierung die gute Wirtschaftslage. Das Bruttoregionalprodukt stieg in zehn Jahren um 45 Prozent an.

2011 wurde an der Fachhochschule Vorarlberg vom heimischen Energieversorger Illwerke VKW eine Stiftungsprofessur Energieeffizienz eingerichtet. "Wir sind dazu da, die technische Umsetzung der Energieautonomie voranzutreiben", skizziert Markus Preißinger die Aufgabe seines Teams. Energieeffizienz, der möglichst verlustfreie Umgang mit Ressourcen, müsse bei allen drei Hauptverbrauchern erreicht werden, sagt der Stiftungsprofessor: im Haushalt, in der Industrie, beim Verkehr.

Vom Vorteil langfristiger Planung

Preißinger, vor drei Monaten von Bayreuth nach Dornbirn an das Forschungszentrum Energie der FH Vorarlberg gewechselt, will einen Schwerpunkt auf die Nutzung industrieller Abwärme setzen. Er forscht dazu seit Jahren intensiv an thermodynamischen Systemen. "Die Industrie wäre ein extrem wichtiger Hebel, um die Energieautonomie zu erreichen", sagt Preißinger. Die Voraussetzungen in Vorarlberg hält er für sehr gut, weil die führenden Unternehmen Familienbetriebe seien: "Im Gegensatz zu börsenorientierten Unternehmen denken Familienbetriebe nicht in kurzen Zeiträumen, sondern langfristig – für die nächste Generation."

Deshalb sei die Chance groß, hier technische Lösungen anzubieten, die sich jetzt noch nicht rechneten. Preißinger: "Wir überlegen gemeinsam mit den Firmen, woran wir jetzt forschen müssen, um mittelfristig einen Gewinn für das Unternehmen und die Umwelt zu erreichen." Eine dieser Lösungen sei die Abwärmenutzung. "Noch jagen die Firmen sehr viel Energie durch den Schornstein. Das könnte man ändern – indem man die Abwärme im Betrieb nutzt oder damit Strom erzeugt."

Der Umweltwissenschafter erforscht sogenannte Organic Rankine Cycles (ORC). Über diese Systeme könnte Strom erzeugt werden. Preißinger: "Wie in jedem Kraftwerk wird dabei eine Flüssigkeit unter Druck verdampft. Der Dampf läuft über eine Turbine, die Strom erzeugt. Derzeit erfolgt die Verdampfung mit Kohle, Gas oder Kernenergie – man könnte dabei aber auch die industrielle Abwärme verwenden."

Energiesparen im Eigenheim

ORC sind aber noch Zukunftsmusik, weil sie bei niedrigen Ölpreisen nicht wirtschaftlich sind. Es gelte aber, mit Forschungsprojekten dranzubleiben, sagt Preißinger. "Damit wir dann Lösungen haben, wenn sie auch ökonomisch einsetzbar sind."

Im Haushalt lasse sich der Energieverbrauch mit relativ einfachen Mitteln zurückschrauben, sagt Preißinger. "Pi mal Daumen könnte eine vier- bis fünfköpfige Familie ihren Stromverbrauch bis 2050 um 75 Prozent reduzieren, indem sie Geräte, die kaputtgehen, durch energieeffiziente ersetzt." Eine weitere Stellschraube ist die Heizungssteuerung. "Warum das ganze Haus von morgens bis abends heizen, wenn man den ganzen Tag bei der Arbeit ist?" Automatisierte Thermostate, bedienbar über Apps oder manuell, seien effektive Tools; die Heizkosten könnten um 20 bis 30 Prozent gesenkt werden.

Ein wesentlicher Beitrag zur Energieautonomie wäre ein anderes Mobilitätsverhalten. Der Pendlerverkehr ließe sich etwa durch Homeoffice reduzieren: "Mindestens ein Tag pro Woche Homeoffice spart 20 Prozent des Energiebedarfs für Mobilität ohne Geld investiert zu haben", rechnet Preißinger. (jub, 3.12.2017)