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Langschläfer und Erfolg: Nicht nur der frühe Vogel fängt den Wurm

29. November 2017, 09:52

Nur wer früh aus den Federn hüpft, wird mit Erfolg belohnt: Dieses Ethos wird von Wirtschaftsbossen gern gepflegt. Wissenschaftliche Studien rütteln daran

Aus diesem Material sind die mächtigen Helden angeblich gemacht: sehr früh aufstehen. Auf die Frage "Was machst du um fünf Uhr früh?" mit "Schlafen" zu antworten, ist in diesem Club also keine gute Idee.

In den vergangenen Jahren ist sogar ein regelrechter, medial begleiteter Wettbewerb darüber entbrannt, wer am frühesten aufsteht: Tim Cook (Apple) steht um fünf Uhr früh im Gym, Richard Branson schläft auch nie länger als bis 4.45 Uhr. Pepsi-Chefin Indra Nooyi hüpft morgens um vier aus dem Bett. Auch die Nachtruhe heimischer Bankenchefs folgt (eigenen Angaben zufolge) einem solchen Early-Bird-Rhythmus.

Tröstlich-erlösende Erkenntnisse

Das passt nicht nur perfekt zur kulturellen Zuschreibung, dass Längerschläfer faul und undiszipliniert sind, über geringen Selbstantrieb und eher wenig Erfolgswillen verfügen und dass eben nur frühe Vögel auch die Würmer fangen. Sondern es nährt auch den Kult der physischen Ausdauer – Himalaja-Phänomen, wie es auch in der Psychologie heißt: Immer höher hinaus mit immer leistungsfähigeren Körpern, total optimiert und so gut wie möglich von menschlichen Bedürfnissen befreit, um in schier grenzenloser Leistungsfähigkeit das Dach der Welt zu erklimmen.

Zudem gibt es reichlich Untersuchungen, wonach sich Morgenmenschen höhere Ziele setzen, ihr Leben selbstorganisierter in die Hand nehmen und weniger wahrscheinlich depressiv sind, trinken oder rauchen.

Wie sieht denn da einer aus, der einfach nicht wach werden kann vor acht oder neun und sich dann vormittags halbschlafend durch den aufgezwungenen Takt des hyperbeschleunigten Arbeitslebens zwingt? Der die besten Ideen nach 19 Uhr hat und das Leben nach 22.00 erst richtig gut findet? Gar nicht so schlecht, sagt die Forschung. Und birgt damit tröstlich-erlösende Erkenntnisse.

Viele sind weder Eulen noch Lerchen

Zum Grundsätzlichen: Die Schubladisierung in Lerchen (Frühaufwacher) und Eulen (Längerschläfer) betrifft die Hälfte der Bevölkerung gar nicht. Ihre sogenannte Chronobiologie ist weder ausgeprägt so noch so und mehr oder minder ohne besondere Qual an die Lebensumstände und -erfordernisse angepasst. Zwar unterliegen alle – dafür gab es heuer auch den Medizinnobelpreis – einem zirkadianen Rhythmus, womit ein biologischer Rhythmus von Lebewesen gemeint ist, der sich in etwa an den 24 Stunden eines Tages, also an der Erdrotation, orientiert. Aber ein Viertel sind gebürtige Frühaufwacher, ein Viertel gebürtige Längerschläfer. Das habe, sagen Forschungen, mit genetischer Prägung (also mit den Vorfahren) und mit einer vermehrten Linkslastigkeit des Gehirns (analytisch, kooperativ) oder vermehrten Rechtslastigkeit (eher imaginativ und individualistisch) zu tun.

Was sagt also die Forschung? Der Überblick ergibt kein eindeutiges Bild, allerdings häuft sich das Material zur Ehrenrettung der Eulen. An der Universität Southampton hat eine Untersuchung sogar ergeben, dass Eulen durchschnittlich höhere Einkommen erzielen und wenig oft körperliche Arbeiten verrichten, dafür überdurchschnittlich oft Besitzer von Eigenheimen sind.

Jim Horne (emeritierter Leiter des Schlafforschungszentrums der britischen Lough borough University) wird in Mediengesprächen nicht müde, aus seinen Arbeiten zu berichten, dass "Spätaufsteher häufig extrovertierte und kreativere Charaktere" seien, während Frühaufsteher "die Dinge eher logisch herleiten, was sie zu Beamten und Buchhaltern werden" lasse.

Testimonials für beide Seiten

Im "Independent" erschien eine Untersuchung unter Rekruten der US-Airforce, wonach Abendmenschen eher in der Lage sind, um die Ecke zu denken – auch wenn sie diese Denkaufgabe frühmorgens gestellt bekommen. Als "berühmte Nachteule" wird dabei gern US-Präsident Barack Obama zitiert. Charles Darwin oder Winston Churchill kommen auch oft vor, wenn es um "Testimonials" dagegen geht, dass Nachtmenschen lediglich irgendwo im kreativen und/oder künstlerischen Milieu nisten können.

Die Plattform Research Gate ist aktuell eine wahre Fundgrube für Studien, die die Eulenreputation im Businessleben betreffen: Demnach haben sie das bessere Gedächtnis, schlagen Frühaufsteher in kognitiven Fähigkeiten und sind offener für Neues, adaptiver. In puncto Gesundheit wurde kürzlich auch kein Unterschied mehr gefunden, berichtete BBC kürzlich – Eulen kommen da sogar besser davon. Meistens – zur Ehrenrettung der Lerchen und jener der Eulen – klingen die gefundenen Korrelationen der Wissenschaft wie kausale Zusammenhänge. Aber Achtung: Es sind keine eindeutigen "Weils", es sind nur Zusammenhänge.

Umgewöhnen ist möglich

Längerschläfer tun sich wohl weiter schwer mit dem morgendlichen Takt des Arbeitslebens. Totales "Umgewöhnen" ist erfahrungsgemäß möglich. Aber – das sagt die angesichts zunehmender Schlafstörungen populär gewordene Schlafforschung ziemlich unisono – es bringt keinen Gewinn an Glücksgefühl oder Lebenszufriedenheit.

Interessant allerdings die Ergebnisse des US-Genforschungsunternehmens 23 and Me: Eulen leben besonders oft mit Lerchen in Partnerschaft. Plus: Das tägliche Bad prominenter Wirtschaftsbosse im Drachenblut ab vier Uhr früh hat – das sagt der Hausverstand – seinen Preis. Gegen die eigene Natur zu leben macht sowieso nicht auf Dauer happy. Kurzfristig bessere Karten für den Aufstieg könnten aber drin sein. (Karin Bauer, 28.11.2017)

Wissen: Wann Österreicher aufstehen

Sieben Komma zwei Stunden: Das haben die Marktforscher von Integral im Vorjahr als durchschnittliche Schlafdauer in Österreich ermittelt. In der Pubertät (14 bis 19 Jahre) sind es 8,7 Stunden, in der "Rush Hour des Lebens" (30 bis 39 Jahre) 6,8 Stunden, Männer mittleren Alters schlafen demnach am wenigsten.

Einer Untersuchung via Smartphone-App der Universität Michigan aus dem Jahr 2016, die auch den deutschsprachigen Raum umfasst, zufolge gehen die meisten Menschen zwischen 23.15 und 23.30 Uhr schlafen und stehen zwischen 7.00 und 7.15 Uhr wieder auf. Detaillierte Untersuchungen, welche Faktoren des Lebenskontexts miteinbeziehen (kleine Kinder, Pflegeaufgaben, Patchwork im Arbeitsleben), sind nicht verfügbar. Allerdings haben laut Integral 24 Prozent Probleme beim Einschlafen, wachen 44 Prozent nächtens auf, und zehn Prozent haben Albträume. Aber: 17 bis 20 Prozent können sich laut verschiedenen Umfragen ein tägliches Mittagsschläfchen gönnen.

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