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Rückkehr zur Notenpflicht ist kein Schritt ins schulische Mittelalter

Kommentar |
28. November 2017, 17:58

Zahlen im Zeugnis sind als klare Botschaften auch Achtjährigen zumutbar

Wer sich mit Schulerfahrungen früherer Generationen auseinandersetzt – sei es durch Berichte der Großeltern oder Bücher und Filme -, erkennt eines: Die Schule von heute hat mit jener von Friedrich Torbergs "Schüler Gerber" nur noch wenig zu tun. Tyrannische Lehrer sterben allmählich aus, selbstständiges Denken ist meist wichtiger als stures Pauken, und das gesamte System ist darauf ausgerichtet, dass auch schwächere Schüler den Aufstieg schaffen.

Konservativen Mitbürgern mag diese Kuschelpädagogik zu weit gehen, doch sie ist ein großer pädagogischer und zivilisatorischer Fortschritt. Die Jugendlichen von heute merken sich zwar kaum noch historische Jahreszahlen, dafür aber sind sie selbstbewusster, redegewandter und besser auf das Leben vorbereitet.

Doch nicht jede Reform, die Druck von den Kindern nehmen soll, erfüllt ihren Zweck: Der Verzicht auf Schulnoten in den ersten zwei bis drei Volksschulklassen ist nur gut gemeint. Ausführliche schriftliche oder symbolische Beurteilungen – etwa durch Smileys – geben den Eltern zwar viel Information, aber wenig Orientierung. Wo steht mein Kind? Diese Frage lässt sich aus den seitenlangen Feedbackbögen oft nicht beantworten. Vor allem für Migrantenfamilien mit schlechten Deutschkenntnissen wäre eine Zahl an dieser Stelle viel aufschlussreicher.

Auch Kinder schätzen klare Botschaften: Ein Dreier ist für viele ein Anstoß, sich mehr anzustrengen, ein Absatz, der die Schwächen auflistet, ist es nicht. Und wie kommt man ans Geld von der Oma, wenn es keine Einser mehr gibt?

Unfaire Beurteilungen sind auch verbal möglich

Deshalb ist das Vorhaben von ÖVP und FPÖ, neben einer schriftlichen Beurteilung die Notenpflicht wiedereinzuführen, kein Schritt zurück ins schulische Mittelalter.

Das heißt allerdings nicht, dass es keinen Handlungsbedarf gibt – und nicht nur in der Volksschule. Das traditionelle fünfstufige Notenschema wird der Vielfalt der Leistungen nicht gerecht. Zu oft liegt sie zwischen zwei Noten, und ein Fast-Vierer sollte nicht genauso viel zählen wie ein guter Dreier. Ein Punktesystem auf einer 20-Punkte-Skala wie im französischen Schulsystem hätte mehr Aussagekraft.

Ein entscheidender Schwachpunkt unseres Notensystems ist die Tatsache, dass gleiche Leistung je nach Schule und Lehrer ganz anders bewertet werden kann. Das wird vor allem beim Übertritt von der Volksschule ins Gymnasium zum Problem: Manche Lehrerinnen beurteilen eher streng, andere vergeben aus Überzeugung fast keine Dreier in Deutsch oder Mathematik, die den Weg in die AHS versperren. Eine Abschaffung von Noten würde hier allerdings auch nichts nützen: Unfaire Beurteilungen sind auch bei verbalen Zeugnissen möglich.

Wenn man schon am geteilten Schulsystem ab zehn festhält, wie es ÖVP und FPÖ mit ideologischem Eifer tun, dann sollte zumindest die Beurteilung der Viertklässler objektiv sein. Dafür wäre – zumindest zusätzlich – eine verpflichtende Aufnahmeprüfung sinnvoll. Ihre Abschaffung in den frühen 1970er-Jahren hat die Schule nicht unbedingt gerechter gemacht.

Das Wichtigste ist, Kindern zu vermitteln, dass ihr Wert nicht durch Noten bestimmt wird und das Leben stets zweite Chancen bietet – auch nach einem Fünfer oder wenn man durchfällt. Aber in einer Gesellschaft, in der das Sich-Messen und -Vergleichen so sehr dazugehört, sind Zahlen im Zeugnis auch Achtjährigen zumutbar. (Eric Frey, 28.11.2017)

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