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Jedes zweite Kind steckt in unpassenden Schuhen

30. November 2017, 13:00

Kinderfüße sind weich, verformbar und erst mit 16 voll entwickelt. Viele stecken in falschen Schuhen, es fehlen genormte Größen

Baby kann laufen! Mit der großen Freude über die ersten Schritte des Kindes kommen neue Fragen auf die Eltern zu. Stimmt alles mit den kleinen Füßchen? Sind die nicht irgendwie schräg, eigenartig breit, schaut der linke Fuß anders aus als der rechte? Formen die Beine ein O oder gar ein X?

Christian Klein, Orthopäde in Mondsee beruhigt: "98 Prozent der Kinder kommen mit gesunden Füßen zur Welt." Mit diesen guten Voraussetzungen sollten Eltern aber achtsam umgehen, rät der Arzt. Denn Kinderfüße sind sehr weich und dadurch verformbar, erst mit 16 Jahren sind sie voll entwickelt.

Klein hat mit dem Bregenzer Sportwissenschafter Wieland Kinz und der Umwelthygienikerin Elisabeth Groll-Knapp mehrere Studien zu Kinderfüßen verfasst. Die Erkenntnisse des Forschungsteams aus den Untersuchungen in Österreich, Finnland und aktuell Japan sind erschreckend: Mehr als die Hälfte der Kinder steckt in zu kleinen Schuhen.

Das Forschungsprojekt entstand 2000 mit der Dissertation von Wieland Kinz. Seither wurden zwei Studien in Österreich erstellt, eine dritte ist noch nicht veröffentlicht. Die Zahlen sprechen für sich: 69,3 Prozent der Kindergartenkinder und 85 Prozent der Volksschulkinder tragen zu kurze Straßenschuhe.

Spätfolgen für die Füße

Eltern bemerken das nicht, weil Kinder noch nicht spüren, ob die Schuhe passen. Das Nervensystem sei noch nicht entsprechend ausgebildet, sagt Christian Klein, der vor Spätfolgen für Füße und den Bewegungsapparat warnt.

Die häufigste Konsequenz ist eine Schrägstellung der großen Zehe. Klein: "Je kürzer der Schuh, umso schiefer die Zehe." Die Schrägstellung, Hallux valgus, macht sich dann im Erwachsenenalter durch Schmerzen im Mittelfuß und Zehen und unschöne Verformungen bemerkbar. Vor allem stört die Schieflage die Biomechanik empfindlich, sagt Klein, weil man den Fuß über die große Zehe abrollt.

Den Grund für die Misere bei Kinderschuhen sieht Studien- und Buchautor Wieland Kinz im Wildwuchs der Schuhgrößen. Eltern können sich nicht auf die Größenauszeichnung verlassen, es fehle eine europaweit gültige Normierung. Kinz: "Wenn Größe 30 draufsteht, ist meistens nur Größe 28 oder eine noch kleinere drinnen."

Pi mal Daumen gilt nicht

Deshalb sollten vor dem Schuhkauf Kinderfüße und Innenschuhe genau gemessen werden. Der Sportwissenschafter rät zur Faustregel: "Der Innenschuh sollte mindestens zwölf Millimeter länger als der Fuß sein." Zwölf Millimeter deshalb, weil dies der Raumbedarf bei der Abrollbewegung ist. Wer Schuhe kaufen möchte, die längere Zeit passen, rechnet 17 Millimeter zur Fußlänge.

Kinderfüße wachsen schnell, durchschnittlich einen Millimeter pro Monat bis zum sechsten Lebensjahr. Eltern sollten deshalb die Passform alle drei bis vier Monate überprüfen. Je jünger das Kind ist, umso kürzer sollten die Intervalle sein.

Messen kann man den Innenschuh mit einem Streifen in der Fußlänge, zu der man zwölf bis 17 Millimeter addiert hat. Den Streifen schneidet man aus einem Karton oder einem dicken Papier mit den Umrissen des Kinderfußes. Einfacher geht es mit einem aus den Studienergebnissen entwickelten Maßband. Eine europaweite Standardisierung der Schuhgrößen sieht Kinz als längst überfällige Maßnahme.

Frustrierender Schuhkauf

Den beliebten Daumentest – man drückt auf die Schuhspitze, sind die Zehen eine Daumenbreite entfernt, passt der Schuh – sehen die Studienautoren skeptisch. Kinz: "Drückt man auf den Schuh, rollt das Kind sofort reflexartig die Zehen ein. Der Raum ist nicht wirklich vorhanden und der Schuh passt dann leider nur vermeintlich."

Grundlage für das europäische Größensystem ist der Pariser Stich, der 1800 in Frankreich festgelegt wurde. Ein Pariser Stich entspricht 6,67 Millimeter. Ein Schuh mit Größe 21 müsste eine Innenlänge von 140 Millimeter haben. Daran können sich Hersteller halten oder auch nicht. "Für Eltern ist die Situation beim Schuhkauf jedenfalls frustrierend", resümiert Kinz. (Jutta Berger, 30.11.2017)