HIV: Zu früh für Entwarnung

Kommentar |
30. November 2017, 19:05

Warum es für alle gut ist, dass es jedes Jahr wieder den Welt-Aids-Tag gibt

In einem gewissen Sinne ist der Kampf gegen HIV ja tatsächlich eine Riesenerfolgsgeschichte. Die einst tödliche Seuche ist durch eine gewaltige Anstrengung von Wissenschaftern, pharmazeutischer Industrie und Charity-Initiativen zu einer beherrschbaren Erkrankung geworden. Wer heute mit HIV lebt, muss zwar täglich Tabletten schlucken, hat aber nahezu dieselbe Lebenserwartung wie Nichtinfizierte. Da drängt sich die Frage auf: Ist es nach 30 Jahren eigentlich noch notwendig, am 1. Dezember den Welt-Aids-Tag zu begehen?

Wer die Sinnhaftigkeit dieses Awareness-Tages infrage stellt, hat nichts über den Menschen, seine Krankheiten und das Gesundheitssystem verstanden. Denn erstens: Der Mensch ist alarmistisch. Die Angst, sich mit dem Immunschwächevirus anzustecken, hat eine Zeitlang tatsächlich dazu geführt, dass beim Sex konsequent Kondome verwendet wurden. Stichwort Safer Sex. Doch vor allem jüngere Generationen, die nicht dabei waren, als Ikonen wie Freddie Mercury oder Klaus Nomi starben, unterschätzen heute die HIV-Ansteckungsgefahr, riskieren Sex ohne Kondome. Genau das hilft dem Virus, wieder neue Fahrt aufzunehmen. Das ist gefährlich, denn wenn eine Erkrankung nicht mehr tödlich ist, wird sie es wieder.

Nicht besiegt

Zweiter Trugschluss: Das HI-Virus ist nicht endgültig besiegt. Viren sind ziemlich lebendige, anpassungsfähige und agile Organismen, die es immer wieder schaffen, Medikamente auszutricksen. Resistenz ist der Fachbegriff dafür, wenn Medikamente nicht mehr wirken. Für jeden HIV-Infizierten bedeutet das Lebensgefahr. Insofern kann auch die Entwicklung von Therapien niemals abgeschlossen sein, muss immer weitergehen. Das heißt: Es müssen auch die entsprechenden finanziellen Mittel dafür aufgebracht werden.

Apropos Finanzen: Die Tatsache, dass die unmittelbare Gefahr, an Aids zu sterben, in den westlichen Industrienationen gebannt scheint, hat auch dazu geführt, dass Geld gekürzt wurde. Geld für die personelle Ausstattung der HIV-Ambulanzen zum Beispiel, aber auch Geld, das für breit angelegte Aufklärungskampagnen früher zur Verfügung stand. Sogar die Gesundheitspolitik lässt unverständlicherweise locker und erstattet die Präexpositionsprophylaxe (PrEP) nicht. Dabei wäre sie eine effiziente Möglichkeit, HIV-negative Menschen durch die vorbeugende Einnahme eines Medikaments vor HIV zu schützen. Das Ansteckungsrisiko wurde in die Privatsphäre verschoben, die PrEP kann sich nicht jeder leisten.

Unsafe Sex

Dritter Trugschluss: HIV kursiert nur in Randgruppen, in der Homoszene, bei Junkies, Menschen aus Kriegsgebieten oder sehr armen Ländern. Wer will, kann sie vermeiden. Auch das stimmt nicht. Wir leben in einer globalisierten Welt. Während homosexuelle Menschen geoutet sind, leben Bisexuelle oft unerkannt als Reisende zwischen den Welten. Prostitution gibt es auch im 21. Jahrhundert, sie bleibt eine Infektionsgefahr.

Und vielleicht wichtiger als alles andere ist die Tatsache, dass Menschen auch nach über 200 Jahren in einer aufgeklärten Gesellschaft immer noch irrationale Wesen sind und unvernünftig handeln. Stichwort Unsafe Sex. Der moralische Zeigefinger macht keinen Sinn. Fazit: Es ist wichtig, sich zumindest einmal im Jahr HIV ins Bewusstsein zu rufen. Und sich vielleicht auch kurz zu vergegenwärtigen, dass weltweit immer noch eine Million Menschen pro Jahr an Aids sterben. (Karin Pollack, 1.12.2017)