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"Bezirksblätter" bringen 16 Titelstorys zu Nikolo-Verbot, das es nicht gibt

1. Dezember 2017, 09:49

Der Chefredakteur weist einen FPÖ-Spin zurück und rät Kritikern, den Presserat entscheiden zu lassen

Wien – "Baden sagt nein zu Nikolo-Verbot", wie auch Klosterneuburg, Melk und St. Pölten, Traisental und Pielachtal, Gmünd "wehrt sich" wie Wiener Neustadt gegen ein "Nikolo-Hausverbot", die "Brucker wehren sich" dagegen. 16 niederösterreichische "Bezirksblätter" titeln diese Wochen so über ein Verbot der weißbärtigen Bischofsdarsteller.

Ein Verbot, das es nicht gibt, wie Chefredakteur Oswald Hicker nach Kritik in sozialen Netzwerken auf Twitter erklärt. Auf STANDARD-Anfrage, wer ein Nikolo-Verbot plane oder angekündigt habe, weist Hicker einen FPÖ-Spin zurück und verweist Kritiker an den Presserat.

Die Titelseiten der Mehrzahl der niederösterreichischen Gratiszeitungen lesen sich ein wenig zugespitzter – hier ein Überblick über 16 von 29 "Nikolo"-Covers, die keine regionale Headline über "Reifenschlitzer", tote Babys, Weihnachtstannen für St. Pölten oder Sportvereine fanden:

16 von 29 Ausgaben der "Bezirksblätter" titelten zur Abwehr des "Nikolo-Verbots".
foto: bezirksblätter faksimile

St. Pölten sagt laut "Bezirksblättern" zum Beispiel so Nein zum Nikolo-Verbot, das es nicht gibt.

Eine Titelstory war das angeblich drohende Nikolo-Verbot zuvor schon der Gratiszeitung "Heute" wert (bei der Hicker bis 2010 arbeitete).

foto: heute faksimile

Die diesjährige Erregung über ein angebliches Nikolo-Verbot schob eine Aussendung des niederösterreichischen FPÖ-Klubs an – über angeblichen "Multi-Kulti-Wahnsinns der ÖVP NÖ". O-Ton: "Traditionelle, christliche und heimische Feste sind massiv in Gefahr! Diese werden Jahr für Jahr still und heimlich zu Grabe getragen und aus den Kindergärten und Volksschulen verbannt. Dazu zählt auch der traditionelle Besuch des Nikolos. Immer öfter wird die klassische 'Nikolofeier' vom Lehrplan gestrichen und durch Feste aus anderen Kulturen ersetzt", behauptete die FPÖ da. Wie schon viele Jahre wieder.

Hickers Erklärung für die Schlagzeilen

Auf STANDARD-Anfrage, welcher Politiker ein Nikolo-Verbot plane oder angekündigt habe, erklärt Hicker in einer ausführlichen Stellungnahme:

"In vielen Elternvereinen gibt es diese Debatte bezüglich Umgang mit religiösen Feiern und Symbolen. Manche Eltern und Politiker wollen diese nicht an Bildungseinrichtungen haben, manche verteidigen diese. Ich selbst bin Atheist und sehe das durchaus differenziert. Die Mehrheit der Menschen sieht das offenbar anders. Wie dem auch sei, es ist ein Thema, es gibt Menschen, die (wie ich) Religion als Privatsache sehen und aus Kindergärten und Schulen verbannen wollen. Und es gibt PolitikerInnen, die Vorstöße in diese Richtung machen, sowohl auf lokaler und auf Bundesebene. Deshalb ist es ein Thema, finde ich, und deshalb kann ich diese Schlagzeilen verantworten."

"Weder FPÖ-Spin noch FPÖ-Politiker"

Hicker weiter: "Sie werden in keiner der 29 Geschichten weder einen FP-Spin finden noch einen FP-Politiker. Wir haben Kindergartenpädagoginnen und als einzige Politikerin Landesrätin Barbara Schwarz dazu befragt. (Sicher nicht im Sinne der FP). Es passiert in allen Medien, dass Inserate zu Themen geschalten werden, die auch im Blatt sind. Ist auch im Standard so. Darauf haben wir beide keinen Einfluss, ich zumindest nicht. Im Übrigen widerlegen die Geschichten den FP-Spin, dass der Nikolo kurz vor der Abschaffung steht."

"An den Presserat wenden"

Der "Bezirksblätter"-Chefredakteur schlägt Kritikern vor, sich beim Presserat zu beschweren: "Für solche Fälle gibt es den Presserat. Wer hier ethische Verstöße ortet, möge sich bitte an den Presserat zur Klärung wenden. Das wäre sehr in meinem Sinne. Ich werde das Urteil natürlich gerne veröffentlichen." (fid, 1.12.2017)