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Medien und Digitalisierung: Auf dem Weg hin zum Leser

1. Dezember 2017, 12:53

Das Verhältnis Politik – Medien – Leser ändert sich durch Digitalisierung, Grund für Pessimismus ist das aber nicht

Lech – Der ORF ist Österreichs einziges Leitmedium und darf daher nicht zerschlagen werden. Mit dieser Aussage in Richtung der künftigen Bundesregierung ließ Gerhard Zeiler, ehemaliger ORF-Generalintendant und nunmehriger Präsident von Turner International, am Donnerstagabend bei der Eröffnung des Mediengipfels in Lech am Arlberg aufhorchen. Doch um langfristig als Leitmedium bestehen zu können, seien der Abbau interner "Sumoringer-Bürokratie" und Investitionen in Digitales unabdingbar. Zudem warnte der Salzburger vor zu viel parteipolitischem Einfluss im ORF: "Er darf nicht zum Staatsfunk werden."

In dieser Hinsicht hat der Sozialdemokrat mehr Vertrauen in die ÖVP als in die FPÖ. Dass Türkis-Blau nicht seine Wunschregierung ist, sei kein Geheimnis: "Aber so groß ist mein Schrecken nicht, dass ich mich davor fürchte." Die Schuld am Wechsel der Machtverhältnisse im Land schreibt Zeiler nicht zuletzt seiner eigenen Partei zu. Noch-Bundeskanzler Christian Kern habe im Wahlkampf zu wenig auf Veränderung gesetzt, während ÖVP-Herausforderer Sebastian Kurz mit seinem Slogan "Es ist Zeit, neue Wege zu gehen" die Befindlichkeiten der Bevölkerung getroffen habe.

Nick Cave als Vorbild für Journalisten

Am Freitag stand das Verhältnis der Medien zu ihren Lesern unter den geänderten Vorzeichen der Digitalisierung im Mittelpunkt. Rainer Schüller, stellvertretender Chefredakteur des STANDARD, erklärte, warum er in der digitalen Zukunft eine Chance sieht. Während Agendasetting weiterhin Aufgabe der Journalisten bleibe, würden die neuen Kanäle ermöglichen, sich den Lesern mit mehr Empathie zu widmen: "Wir sollten uns anhören, was unsere Leser oder User eigentlich vom Medium erwarten." Denn daraus lasse sich zielgerichtet ableiten, wie man sie am besten ansprechen kann.

Schüller verdeutlichte das mit einem popkulturellen Vergleich. Nick Cave habe bei seinem Wien-Konzert vorexerziert, wie Journalismus künftig funktionieren könne: "Erst stand er nur auf der Bühne und hat gesungen. Dann ging er ins Publikum und hat sich angreifbar gemacht und mit den Fans interagiert. Und zum Abschluss hat er ausgewählte Leute auf die Bühne geholt, um mit ihnen zu performen." STANDARD-Kolumnist Hans Rauscher sei der Nick Cave der Redaktion, so Schüller: "Er geht in die Community, tauscht sich mit ihr aus."

Meinung ist billiger als Fakten

Schüller betonte, dass er sich um die Zukunft des Journalismus keine Sorgen mache. In dasselbe Horn stieß der Vorsitzende der APA-Geschäftsführung, Clemens Pig. Es seien lediglich die Rahmenbedingungen, die sich änderten. Als Folge der Digitalisierung sei das Technologiedepartment der Presseagentur heute ebenso groß wie die Redaktion. "Das klassische Gatekeeping als Selektionsleistung des Journalismus verändert sich hin zum Gatewatching", so Pig. Echte Medien seien nicht mit sozialen Medien zu verwechseln: "Das sind technische Plattformen, kein Journalismus." Das Wertesystem, das hinter echten Redaktionen stehe, habe weiterhin Bestand.

"Addendum"-Chef Michael Fleischhacker beschrieb wiederum eine Veränderung im Verhältnis zwischen Medienkonsumenten und Journalisten aufgrund der Digitalisierung. Die Asymmetrie, die früher zwischen beiden Seiten herrschte, sei dadurch eingeebnet worden. "Die Frage ist nun, wie man als Redaktion darauf reagiert." Während es die einen gut fänden, dass sich der Abstand zum Leser verringere, versuchten die anderen, diesen wiederherzustellen. Welches Rezept letztlich das richtige sei, könne man noch nicht abschätzen. Fleischhacker warnte allerdings davor, sich als Journalist zu sehr auf die Moralebene zu begeben: "Denn eines ist klar, Meinung ist billiger als reine, gut recherchierte Fakten." Über Geschäftsmodelle selbst wurde wenig diskutiert. Wobei das bei Addendum ohnehin nicht von Bedeutung sei, wie Fleischhacker erklärte, da man nicht auf Gewinn ausgerichtet sei. (ars, 1.12.2017)