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Autismus: Höchstmöglich selbstständig

2. Dezember 2017, 11:00

Die Diagnose einer Autismus-Spektrum-Störung ist aufwendig und schwierig. Vor allem in Wien fehlt es an Fachpersonal und Therapieangeboten

Wer sich mit Autismus beschäftigt, kommt an zwei Österreichern nicht vorbei: 1943 präsentierten der Kinderarzt Hans Asperger und der austroamerikanische Psychiater Leo Kanner fast zeitgleich ihre Arbeiten bezüglich Autismus. Die Bezeichnungen Asperger- und Kanner-Syndrom erinnern noch heute an die wegweisende Forschung der beiden Wissenschafter.

Die Versorgung von Kindern, die von einer der Formen des Autismus betroffen sind, müsste demnach in Österreich vorbildlich sein. Doch das Gegenteil ist der Fall, vor allem in Wien: "Wir sind rettungslos überfordert. Es gibt Wartezeiten bis zu einem Dreivierteljahr", klagt Luise Poustka, Leiterin der Spezialambulanz für Autismus-Spektrum-Störungen am AKH Wien. Ein Grund dafür: Diagnose und Therapie können nur dann über die Krankenkasse abgerechnet werden, wenn etwa ein Pädiater das Kind überweist.

Mögliche alternative Einrichtungen neben dem AKH Wien sind sogenannte Entwicklungsambulatorien. "Doch dort ist die Situation auch nicht besser. Es gibt Aufnahmestopps bis zu eineinhalb Jahren", sagt Sonja Metzler von der Autistenhilfe Österreich. Dadurch geht wertvolle Zeit für die Frühförderung verloren, denn "je rascher therapeutisch interveniert wird, desto besser entwickelt sich ein Kind", wie die Expertin betont.

Verhaltenstherapie wirkt

Was das Problem zusätzlich verschärft: Es gibt nicht "den Autismus". Die Bandbreite der tiefgreifenden Entwicklungsstörungen ist groß. Das bedeutet auch: Eine seriöse Diagnose braucht Zeit. "Eindeutige Lehrbuchfälle sind relativ selten, häufig muss die Kernsymptomatik regelrecht aufgespürt werden. Dabei sind mindestens zehn Stunden für Verhaltensbeobachtung, Elterngespräche, Intelligenzdiagnostik und neurologische Untersuchungen notwendig", erklärt Poustka.

Eltern, die nicht warten wollen, bleibt nichts anderes übrig, als auf private oder gemeinnützige Anbieter auszuweichen und die Kosten zwischen 500 und 1000 Euro selbst zu übernehmen. Dazu kommt noch der finanzielle Aufwand für die langfristige Therapie, denn am Wiener AKH gibt es meist nur im Rahmen von Studien die Möglichkeit, in ein entsprechendes Förderprogramm aufgenommen zu werden.

Dass es besser geht, zeigt die Situation in Niederösterreich: Dort wurde 2015 mit dem "Ambulatorium Sonnenschein" ein Pilotprojekt initiiert, in dem 100 autistische Kinder behandelt werden. 40 davon erhalten eine hochintensive Verhaltenstherapie, zwei- bis dreimal pro Woche. "Die evidenzbasierten Methoden zeigen rasche Erfolge – etwa dass Kinder eigene Bedürfnisse artikulieren können", sagt die medizinische Leiterin Sonja Gobara.

Die Kosten für Diagnose und Therapie werden gemeinsam von Krankenkasse und Land Niederösterreich getragen. Auch Leistungen im niedergelassenen Bereich und in den Entwicklungsambulatorien werden größtenteils von öffentlicher Hand finanziert. "Der Leidensdruck von Wiener Familien ist so groß, dass manche nach Niederösterreich gezogen sind, um einen Therapieplatz zu bekommen", berichtet Gobara. In Oberösterreich gibt es mittlerweile ein ähnliches Angebot, Salzburg will demnächst folgen.

Mangel an Spezialisten

Das Ziel der Therapie: Selbstständigkeit auf dem höchstmöglichen Niveau. "Für ein kognitiv stark eingeschränktes Kind sind Sätze wie 'Ich muss aufs Klo' oder 'Ich habe Schmerzen' ein enormer Fortschritt. Ein begabtes Kind mit einem hochfunktionalen Autismus kann so weit kommen, dass es studiert und alleine lebt", erläutert Poustka. Das sei aber eher die Ausnahme. Nicht zuletzt haben Filme wie Rain Main oder Das Mercury Puzzle zu diesem einseitigen Bild beigetragen, in dem Betroffene als geniale, schrullige Eigenbrötler präsentiert werden. "Unter Autisten gibt es nicht mehr Hochbegabte als in der Allgemeinbevölkerung. Etwa 50 Prozent der Fälle sind schwer kognitiv beeinträchtigt", relativiert Poustka.

In Österreich gibt es etwa 40.000 Kinder mit einer Autismus-Spektrum-Störung, rund ein Viertel davon lebt in Wien. Selbst wenn hier ein dichtes ambulantes Versorgungsnetz außerhalb der Kliniken etabliert werden würde, das über die Krankenkasse abgerechnet werden könnte, gäbe es Probleme mit der Versorgung, befürchten die Expertinnen. "Wir benötigen mehr spezialisierte Psychologen und Psychiater, die Therapie und Diagnostik gelernt haben", ist Sonja Metzler überzeugt.

Das sieht auch Luise Poustka so. Ihre Erklärung für den Mangel an Spezialisten: "Die Kinder-und-Jugend-Psychiatrie gibt es in Österreich erst seit 2007 als eigenständiges Fach. In Deutschland ist das seit 1968 so, da läuft die Versorgung auch deutlich besser." Im Ambulatorium Sonnenschein hat man darauf bereits reagiert: Dort wird eine vertiefende Ausbildung angeboten. Auch Poustka ist optimistisch: "In den nächsten Jahren wird sich einiges tun. Wir kriegen das hin, auch in Wien." (Günther Brandstetter, 2.12.2017)