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Vom Wunsch, das Unmessbare messbar zu machen

Userkommentar |
4. Dezember 2017, 11:12

Die Koalitionsverhandler wollen Lehrer "leistungs- und outputorientiert" besolden. Hier lohnt – bevor weiter in die falsche Richtung nachgedacht wird – ein Blick über den großen Teich

Noch herrscht großes Rätselraten hinsichtlich der tatsächlichen Umsetzung von Vielem, was derzeit über das zukünftige Koalitionsprogramm an die Öffentlichkeit dringt und nicht alles, was man da so liest, klingt nach einer schlechten Idee. Der Vorschlag verpflichtender Weiterbildungen zum Beispiel könnte helfen, die pädagogische Kluft zwischen Lehrkräften unterschiedlicher Jahrgänge zu verringern. Besonders junge Lehrer klagen oft darüber, dass sie trotz moderneren Unterrichtsmethoden sehr viel weniger verdienen als ihre älteren Kollegen, die mitunter jahrzehntelang dieselben Verfahren anwenden. Bei der Frage nach den möglichen Auswirkungen der aktuellen Pläne der Koalitionsverhandler, Lehrer hinkünftig "leistungs- und outputorientiert" zu besolden, lohnt sich aber möglicherweise bereits bevor weiter in die falsche Richtung nachgedacht wird ein Blick über den großen Teich.

In den Vereinigten Staaten ist die Evaluierung von Lehrkräften auf Grundlage von standardisierten Tests der Schüler bereits seit Längerem üblich. Die Evaluierung dieser Evaluierungen liefert jedoch bisher keine stichhaltigen Beweise, wonach es sich dabei um ein nachzuahmendes Beispiel handelt. Weder lässt sich das in den Staaten umgesetzte System als ein faires Beurteilungssystem bezeichnen, noch finden sich Hinweise, dass der Motivationsgrad der Lehrenden durch den zusätzlichen Anreiz gestiegen wäre oder die Leistungen der Schüler sich verbessert hätten.

Umwelt- und Zufallsfaktoren

Einer umfassenden Vergleichsstudie zufolge konnte das Testergebnis des Vorjahres lediglich vier bis 16 Prozent des nächstjährigen Ergebnisses vorhersagen. Dieselben Lehrer, die in einem Jahr ausgezeichnete Ergebnisse erhalten hatten – und dementsprechend besser besoldet werden müssten –, konnten sich im darauffolgenden Jahr also auch am unteren Ende der (Gehalts-)skala wieder finden, da die Leistungen ihrer Schüler einem sehr viel schlechteren "Output" entsprachen.

Nun kann es freilich in jeder Berufsbranche vorkommen, dass man einmal ein besseres, dann wieder ein schlechteres Jahr erlebt, was dann wiederum gerechterweise unterschiedlich abgegolten werden müsste. Sehr viel wahrscheinlicher ist jedoch, dass die Schülerzahlen pro Lehrer oft nicht groß genug sind, um statistisch valide Unterschiede zu finden. Zusätzlich spielen bei diesen Tests auch eine ganze Reihe von Umwelt- und Zufallsfaktoren hinein, denen die Schüler in und außerhalb der Schule ausgesetzt sind, welche die Lehrenden nicht beeinflussen können.

Verfälschtes Ergebnis

Dazu zählt zum Beispiel die ebenfalls gerade diskutierte Anzahl der Mitschüler, welche sich auf die Zeit auswirkt, die der Lehrer sich jedem einzelnen Schüler widmen kann. Die Qualifikation der anderen Mitglieder des Lehrerkollegiums, denen die Schüler auch ausgesetzt sind, kann einen Einfluss haben. Vor allem aber verfälschen außerschulische Lernmöglichkeiten das Ergebnis, welche oftmals stark mit den sozialen Verhältnissen zusammenhängen, denen die Kinder entstammen: Während Schüler in den langen Sommerferien generell bis zu einem Monat ihres Lernfortschritts verlieren, ist der Verlust an bereits erworbenen Lesefähigkeiten bei Kindern aus Familien mit niedrigeren Einkommen signifikant höher. Wenn ein Lehrer dann auch noch einen hohen Anteil an Kindern mit nicht deutscher Muttersprache in seiner Klasse hat, wird er sich wohl bald nach einem zweiten oder einem anderen Job umsehen müssen.

Universalgenie Lehrer

Den tatsächlichen Effekt und die Leistung einer einzelnen Lehrkraft herauszurechnen, stellt sich angesichts dieser und vieler weiterer methodischer Schwierigkeiten als praktisch nicht möglich heraus. Am Ende entscheiden sich die bestqualifizierten Pädagogen für die Schulen mit den Kindern, die ohnehin schon durch ihre soziale Herkunft im Vorteil sind. Dabei wäre es angesichts der wachsenden demographischen Herausforderungen gerade in einem Land wie Österreich, wo kleiner werdende Geburtenjahrgänge aufgrund der Alterung in Zukunft mit einer zunehmenden Belastung konfrontiert sein werden, von allerhöchster Wichtigkeit, in die Resilienz und Fähigkeiten aller Kinder zu investieren, um die Attraktivität des Wirtschaftsstandortes aufrechtzuerhalten.

Dazu bedarf es freilich gut geschulter Pädagogen, die sich mit der nötigen Sensibilität individuell um die Probleme jedes einzelnen Kindes kümmern, egal ob diese zum Schulstoff zählen oder nicht. Denn bedauerlicherweise muss eine gute Lehrkraft heutzutage eine Vielzahl von Zusatzfunktionen erfüllen, die nicht zum Berufsprofil zählen und von ihren eigentlichen Aufgaben ablenken. Sie muss Mediator, Seelentröster, Pflaster- und Coolbag-Besorger, Berater für Kinder und Eltern im Schulischen und außerschulischen Bereich, Telefonzentrale, Ordnungshüter, Sekretär, Psychologe, Manager, Animateur, Prellbock ... kurzum Universalgenie sein. Ob all diese Fähigkeiten sich jedoch wie ein ökonomischer Output messen lassen, sei dahingestellt. (Erich Striessnig, 4.12.2017)