Foto: AFP / PATRICIA DE MELO MOREIRA

Sophia: Ein humanoider Roboter als PR-Gag

Kopf des Tages |
1. Dezember 2017, 20:13

Maschine und Staatsbürgerin Saudi-Arabiens

Gut, dass Sophia ein Roboter ist. Als Mensch wäre ihr wohl nicht so viel Zuneigung und Aufmerksamkeit widerfahren wie in den vergangenen Monaten. Am 25. Oktober erhielt sie die Staatsbürgerschaft Saudi-Arabiens, was für eine emanzipierte westliche Frau, die sie ja wohl darstellt, völlig ausgeschlossen ist. Sie müsste nämlich zum Islam konvertieren und unter der Vormundschaft eines Mannes leben. All das ist von Sophia, die erstmals im April 2015 in Betrieb genommen wurde, nicht überliefert, obwohl sie, genau genommen, natürlich einen Schöpfer und im übertragenen Sinn daher einen Vormund hat: das Unternehmen Hanson Robotics aus Hongkong.

Sophias Anerkennung bei den Saudis, darüber sind sich Experten einig, ist nichts anderes als ein plumper PR-Gag, um ein gesellschaftlich rückständiges Land, in dem es noch immer harte Strafen für Kritiker gibt, als zukunftsorientiert darzustellen. Nun hat sie in einem Interview mit der Zeitung "Khaleej Times" über eines der höchsten Ideale vieler Menschen, über Familiengründung und Kinder, gesprochen. Die PR-Maschine ist wieder angelaufen, und auch viele westliche Medien sind dankbar dafür. Sie schreiben mit dem Ton eines staunenden Kindes über all diese Neuigkeiten aus dem Kommunikationsrepertoire von Sophia, die tatsächlich Gesichter erkennen, Mimik nachvollziehen und ein kurzes Gespräch zu einem vorgegebenen Thema führen kann. Sophia war Cover-Model beim Magazin Elle und schlug den lustigsten Talkmaster Amerikas, Jimmy Fallon, bei Schere, Stein, Papier. Sie gab Interviews und war dabei sogar so spitzfindig, auf den Großunternehmer Elon Musk und seine Warnungen vor einer Apokalypse durch Artificial Intelligence, also durch Systeme wie dem ihren, zu reflektieren.

Immerhin kamen Medien trotz all dieser Jubelberichterstattung auf die nur rudimentär existierenden Frauenrechte in Saudi-Arabien zu sprechen. Wie es aber sein kann, dass ausgerechnet eine nichtislamische weibliche Maschine in diesem Land die Staatsbürgerschaft erhält, darüber hat kaum jemand nachgedacht, es geschweige denn recherchiert. Anderswo diskutieren Ethiker und Politiker, wie sie auf die zunehmende Digitalisierung reagieren könnten, wie man die Arbeitswelt in Zukunft gestalten sollte. In Saudi-Arabien wird über das Wie gar nicht gesprochen. Der Geist in diesen Aktionen um die Maschine bietet durchaus Anlass zur Sorge. (Peter Illetschko, 1.12.2017)