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Das "Experten-Esperanto" der Macht

Userartikel |
4. Dezember 2017, 17:10

Es lässt sich nicht so einfach beantworten, ob die heutige Welt tatsächlich so instabil ist, doch laut Harvard-Professor David W. Kennedy fühlt es sich definitiv so an. Ein Teil des Problems liegt in einem neuen politischen Vokabular, das mehr der Strategie als der Wahrheit dient

Für viele Menschen ist es schwer, das scheinbar fantastische Bild der Nachkriegsordnung, wie sie der in Harvard lehrende David W. Kennedy beschreibt, aufzugeben. Diese ermöglichte es jedem Land, sich ins Weltgeschehen einzubringen. Jedes Land konnte der WTO und in manchen Fällen sogar der EU beitreten, insofern die richtigen Voraussetzungen dafür erfüllt wurden. Wie gesagt, ein fantastisches Bild: Globale Ordnung, pragmatische Problemlösung und das Streben nach Gerechtigkeit.

Ordnung und Strategie

Wenn wir über diese Weltordnung sprechen, erscheinen Dominanz oder eine ungleiche Machtverteilung nicht auf unserem Radar. Doch schon damals gab es Stimmen, die dieses positive Weltbild nicht unterstützten und die politische Ökonomie als Verstärkung der Ungleichheit sahen. Für diese Menschen war die Welt schon damals eine ungeordnete. Diese Ansicht vertreten heute laut Kennedy immer mehr Menschen, viele strategische Akteure haben das immer schon gesehen. Sogar oder insbesondere die Akteure, die sich genau im Zentrum der Geschehnisse befanden.

"Wenn Unternehmer oder Politiker aufgefordert werden, die Welt zu beschreiben, dann sprechen sie stets von Ordnung und geopolitischen Vereinbarungen", erklärt Kennedy. Fragt man sie jedoch nach ihren Projekten, dann sprechen sie nicht mehr von Ordnung. "Sie sprechen strategisch."

Neues Vokabular

Führung und Engagement hat ein neues Vokabular bekommen, oft Expertise genannt. Macht und der Anspruch darauf werden verbal ausgedrückt, Kriege werden mit Worten geführt. Kennedy bezeichnet dieses Vokabular als "Experten-Esperanto". "Politiker werden dafür gecoacht, wie normale Menschen zu klingen", sagt Kennedy. Hillary Clinton fiel es oft schwer, mit ihren gut vorbereiteten, genau durchdachten, aber zu komplex formulierten Ansprachen die Menschen zu erreichen. Als Donald Trump drohte, eine Mauer zwischen den USA und Mexiko zu bauen, glaubten zwar nicht viele, dass er es wirklich tun würde, doch immerhin wurde klar, wofür er stand. Auch die Medien versuchen, dieses Vokabular zu übernehmen. "Comedy und Humor scheint vielleicht gerade deswegen oft ehrlicher als die Nachrichten selbst", meint Kennedy.

In seinem Vortrag "Expertise in a World of Struggle" am Mediengipfel in Lech betont Kennedy, dass sich Experten nicht durch ihre Ideologie auszeichnen. "Zu jeder gesellschaftlichen Debatte gibt es auf beiden Seiten einen sprechenden Kopf." Was hängen bleibt, ist der Blick auf die Sprache wichtiger Akteure. Anstatt Tatsachen klar anzusprechen, wird das Experten-Vokabular strategisch genutzt. Ist das heutige Bild der Weltunordnung vielleicht sogar bewusst von Politikern geschaffen worden? Vermeintliche Expertise wird die Welt auf jeden Fall nicht wieder stabilisieren. (Isabella Scholda, 4.12.2017)

Isabella Scholda studiert Content-Produktion und Digitales Medienmanagement an der FH Wien und arbeitet als Videoredakteurin bei der NZZ.

Dieser Text entstand im Rahmen einer Kooperation mit der Medienakademie in Lech. Unter der Leitung von Markus Spillmann und Werner Müllner berichten Journalismusstudenten aus Österreich und der Schweiz vom Mediengipfel.

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