Journalisten im Krieg: "Vor Flugzeugen kann man nicht fliehen"

2. Dezember 2017, 14:48

Von gefährlichen und belastenden Situationen berichten Auslands-Korrespondenten beim Mediengipfel in Lech am Arlberg

Lech – Irgendwann erlebt jeder Korrespondent in einem Krisengebiet jenen unvergesslichen Moment zum ersten Mal, in dem ihm klar wird, dass er durch seine Arbeit an Leib und Leben massiv gefährdet ist. Meistens komme dies völlig überraschend, man könne sich auf eine solche Situation nur bedingt vorbereiten – etwa durch ein spezielles Training vor der Entsendung an seinen Einsatzort. Davon berichteten am Samstag zum Abschluss des Europäischen Mediengipfels in Lech am Arlberg drei renommierte Journalisten, die aus China, der Türkei und dem Irak sowie der Region Polen, Ukraine und Weißrussland berichten.

"Ich habe die schwierigste Lage erlebt, als die Truppen Assads in Syrien begannen, von der Luft aus Städte zu bombardieren", erzählte Inga Rogg, Redakteurin der "Neuen Zürcher Zeitung", die nach Jahren in Bagdad nun in Istanbul stationiert ist. "Vor Flugzeugen kann man nicht fliehen", sagte sie, "man weiß nicht wohin". Extrem belastend sei auch gewesen, Leichen bei Anschlägen im Irak zu sehen.

Pressefreiheit "ganz unten"

Ihr Kollege Pascal Nufer, Korrespondent des Schweizer Fernsehens mit Wohnsitz Shanghai, ergänzte den Aspekt der persönlichen Gefährdung um den Aspekt, dass man in Diktaturen vor allem darauf achten müsse, seine Gesprächspartner und Informanten nicht zu gefährden. Es sei in China völlig klar, dass Auslandskorrespondenten systematisch abgehört werden. Er habe mehrfach erlebt, dass Informanten nach Geschichten, die er produziert habe, von den Behörden verschleppt wurden und monatelang verschwunden waren.

Dass ein Kollege, ein japanischer Kameramann, in unmittelbarer Nähe von ihm von einem Heckenschützen getötet wurde, das habe er bei einer Demonstration in Bangkok erlebt, erzählte Nufer. Das Bewusstsein, dass Pressefreiheit in autoritären Staaten "ganz unten" ist auf der Skala der Wichtigkeiten, und man dazu eine starke innere Einstellung entwickeln muss, das sei für seinesgleichen eine Schlüsselfrage.

"Unglaubliche Verrohung" in Redaktionen

Paul Flückinger, Korrespondent im Netzwerk von weltreporter.net, sagte, letztlich könne einem niemand die Entscheidung abnehmen, was man gerade noch riskiere, wofür man Verantwortung übernehme. Alle drei Journalisten betonten, wie wichtig es sei, sich bei gefährlichen Einsätzen durch Information von Botschaften und Journalisten zu vernetzen, keine Alleingänge zu machen.

Ein zunehmendes Problem sei es, dass Medienhäuser nicht mehr so wie früher bereit seien, für aufwändige Einsätze in Krisengebieten die Kosten zu übernehmen. Das erhöhe die Gefahr, mache qualitätvolle Arbeit noch schwieriger, als sie ohnehin ist, beobachtet Flückinger. Rogg sieht diesbezüglich gar "eine unglaubliche Verrohung" in den Redaktionen, die leichtfertig sagten, man brauche die teuren Korrespondentenberichte gar nicht. Werden sie von Freien angeboten, zahle man dafür "einen Apfel und ein Ei", fast nichts.

Große Aufgabe, "seine Haltung nicht zu verlieren"

Rogg bekannte, dass Druck und Überwachung wie in der Türkei sie bei ihrer Arbeit eigentlich innerlich nicht beeinflusse: "Man muss versuchen, die Schere im Kopf zu vergessen." Der subtile Druck der Behörden in autoritären Systemen "frisst sich langsam rein". Für ihre türkischen Kollegen sei dies im Moment allerdings schwierig. Über bestimmte Korruptionsfälle werde von diesen nicht mehr berichtet, "eine Kollegin erwähnt den Namen von Präsident Erdoğan nicht mehr".

Einig waren sich alle drei Korrespondenten, dass Präsenz vor Ort, die eigene Anschauung und Einschätzung, für eine kompetente Berichterstattung der Medien unabdingbar seien. Eine Grundbedingung sei auch, dass man sich abgrenze, sich nicht dem Land, den Behörden anpasse. "Es ist eine große Aufgabe, nicht in Zorn zu verfallen, seine journalistische Haltung nicht zu verlieren, nicht Partei zu werden", erklärte Nufer.

Von einer "Herausforderung, nicht beeinflusst zu sein", spricht auch Flückinger, wenn – so wie derzeit in Polen – im Staatsfernsehen verkündet werde, dass die Auslandskorrespondenten feindliche Elemente seien. "Wir sollten vor allem nicht glauben, dass wir Entscheidungen beeinflussen können", warf die "NZZ"-Frau Rogg ein, "Leidenschaft ist auch eine Aufgabe unseres Berufes". (Thomas Mayer aus Lech, 2.12.2017)