Wissenschaft ist nie ganz frei

Kommentar |
3. Dezember 2017, 18:39

Finanzieller Druck ist Alltag in der Forschung, populistische Politiker verstärken ihn

Es war nur eine Fußnote im politischen Alltag der USA: Donald Trump ließ sich entschuldigen, er lud die amerikanischen Nobelpreisträger nicht ins Weiße Haus, ehe sie zur Gala nach Stockholm reisten. Zeitmangel war die offizielle Begründung für den Traditionsbruch, herzerfrischend die Reaktion des deutsch-amerikanischen Laureaten Joachim Frank, der meinte, er wäre ohnehin nicht gekommen.

Die Episode und vor allem die spärliche Resonanz darauf zeigen, wie normal das schlechte Verhältnis zwischen US-Präsident und Wissenschaftern bereits geworden ist. Hier ein politischer Machthaber, der schon oft bewiesen hat, wie wenig er von wissenschaftlichen Fakten hält, dort Wissenschafter, die auf seine Ignoranz nur mehr mit Zynismus reagieren können – und damit Einblick in eine tiefgreifende Verbitterung über die vielen kleinen und größeren Untergriffe der Regierung Trump gegen die Wissenschaften gewähren: ob es nun Steuerpläne sind, die, sofern sie umgesetzt werden, Uni-Studenten massiv belasten würden, oder Kürzungspläne für die nationalen Förderfonds, um mehr Geld für Militär und Sicherheit zu lukrieren.

Finanzieller Druck

Wenn am kommenden Wochenende Schwedens König Carl Gustaf in einer feierlichen Zeremonie die Nobel-Medaillen vergibt, muss man genau daran denken: Angriffe auf die wissenschaftliche Freiheit geschehen in den seltensten Fällen plump wie in der Türkei, als Präsident Recep Tayyip Erdogan beschloss, Charles Darwins Evolutionstheorie aus den Schulbüchern streichen zu lassen. In einer wissenschaftsfeindlichen Umgebung wird meistens zusätzlicher finanzieller Druck ausgeübt, der den ohnehin prekären Alltag von jungen Wissenschaftern weiter belastet: Im besten Fall reicht man Projekte ein, die die Forschungsarbeit im Team für einige Jahre absichern sollen, ohne auf eine ergebnisorientierte Erwartungshaltung des idealerweise gutdotierten Fonds Rücksicht nehmen zu müssen. Aber in welchem Schlaraffenland sind derartige Bedingungen vorzufinden?

Immer mehr gutdotierte Förderprogramme zeigen klar, welche Ergebnisse von Forschern erwartet werden. Immer mehr Wissenschafter richten sich genau danach, um wenigstens eine kleine Chance auf Bewilligung zu haben. Es ist wohl auch kein Zufall, dass die Anzahl der Anträge mit dem Schlagwort Klimawandel im Titel im Trump-Land rückläufig ist. Wenn es ums Eingemachte geht, muss man sich leider anpassen – auch wenn man zuvor für die Freiheit der Wissenschaft auf die Straße gegangen ist. Der im April weltweit abgehaltene March for Science ist noch in guter Erinnerung.

Große Skepsis

Wie ist die Situation in Österreich? Wissenschafter planen von einer Projektförderung zur nächsten. Das ist nicht angenehm, lässt sich aber nicht ändern. Es muss nur hinreichend Geld für ihre Arbeit da sein – damit diese Mittel im Wettbewerb vergeben werden können. Die Frage wird sein, was am zuletzt eingeschlagenen Pfad, dem Wissenschaftsfonds FWF endlich mehr Geld für die Grundlagenforschung zu geben, passieren wird. Und ob die vermutlich türkis-blaue Koalition diesen Weg weitergehen mag.

Die Skepsis ist groß angesichts öffentlicher Äußerungen, die das offene Wissenschaftsverständnis der Protagonisten nicht wirklich unter Beweis gestellt haben. Aber die Fakten werden hoffentlich abseits eines da und dort angezweifelten Klimawandels liegen. (Peter Illetschko, 3.12.2017)