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Müssen wir Altes ausblenden, um Neues zu schaffen?

4. Dezember 2017, 13:46

Ist die Idee des Vergessens von strategischer Wichtigkeit, um das Neue zu schaffen? Michael Shamiyeh beobachtet im Valley einen pragmatischen Zugang.

Tom Peters, der US-amerikanische Unternehmensberater und Bestsellerautor, hat einmal zutreffend festgehalten, dass Lernen ein Kinderspiel sei, Vergessen aber die Hölle. Dies treffe insbesondere auf erfahrene Manager zu. Gerade in Zeiten permanenter Umbrüche sei daher die Idee des Vergessens von strategischer Wichtigkeit.

Die heutige Dynamik des Silicon Valley in Hinblick auf permanent Neues drängt daher nahezu die Frage auf, ob die Kalifornier nichts "Altes" haben, das sie vergessen müssen.

Stanford allein hat als Silicon Valleys Inkubator für Neues wie kaum eine andere Bildungseinrichtung weltverändernde Zukunftsmacher hervorgebracht. Prominente Beispiele hierfür sind die Google-Gründer Larry Page und Sergey Brin, die sämtliche Informationen unserer Welt organisieren und mit einem Klick zugänglich machen, Peter Thiel, der als Miterfinder von Paypal die Art, wie wir bezahlen, veränderte, der Youtube-Gründer Jawed Karim, der uns das gemeinsame Sehen und Teilen von Filmen ermöglichte usw., usw. Die Liste könnte mit zahlreichen weiteren Tech-Unternehmen wie Linkedin, Instagram, Cisco, Snapchat und Whatsapp etc. diesen Beitrag füllend fortgesetzt werden.

Ausblenden statt vergessen

Hatten diese Technologieentrepreneure nichts Altes zu vergessen, das sie im Machen der Zukunft behinderte? Oder ist das Silizium von gestern das einzig "Alte", das schon immer das Neue von morgen beinhaltete?

Seit meiner Ankunft im Tal beobachte ich einen viel pragmatischeren Zugang als zu vergessen, nämlich das konsequente, alles andere ausblendende Fokussieren auf die Zukunft. Steve Jobs gibt dafür ein beredtes Beispiel. Der Legende nach soll er bei seinem Wiedereintritt bei Apple im Jahr 1996 sämtliche Computermodelle von gestern, die zu großen Veränderungen in der Branche führten, weggeworfen und durch neue Prototypen ersetzt haben. Aus den Augen, aus dem Sinn!

In Palo Alto angekommen, war ich überrascht, wie viel hier nicht im Blickfeld der "Techies" liegt: Die Gestalter unserer Zukunft wohnen traditionell, ja teilweise sogar rückwärtsgewandt. Gleich ums Eck von meinem Apartment befindet sich die Geburtsstätte des Silicon Valley, die Gründergarage von William R. Hewlett und David Packard, in der beide 1938 ihr erstes Produkt entwickelten. Die traditionelle Architektur des Hauses unterscheidet sich kaum von den anderen einfachen und mit Holz verschalten Wohnhäusern der Umgebung. Nur acht Querstraßen weiter befindet sich das im britischen Landhausstil gehaltene Wohnhaus von Steve Jobs. Das Alte ist hier, sowie auch am Stanford-Campus, allgegenwärtig. Nichts zeugt hier von Zukunft, und trotzdem wird sie hier in rasendem Tempo gemacht. Der Fokus liegt anderswo.

Auch Ursache des Mangels

Nicht zuletzt scheint genau dieser fehlende Blick auf das Ganze die Ursache für vieles Alte zu sein, das die Vordenker des Silicon Valley nun aber auch zunehmend in Gefangenschaft nimmt: der Mangel an gut ausgebautem öffentlichem Verkehr abseits der Hauptrouten und das damit einhergehende hohe Maß an Individualverkehr. Seit Jahren steigen die Immobilienpreise aufgrund des fehlenden Wohnraumes. 4000 Dollar Miete für ein Einzimmerstudio sind Standard, was selbst für die gutverdienenden Mitarbeiter der Hightechkonzerne mittlerweile zu einem Problem geworden ist. Die daraus resultierende Abwanderung nach San Francisco im Norden oder San Jose im Süden führt zu legendären Staus. Bis zu drei Stunden am Tag Pendeln ist nichts Außergewöhnliches.

Dem Problem begegnen die Großen der Szene mit Pragmatik. Sie bieten ihren Mitarbeitern mittlerweile Pendlerbusse mit Highspeed-Internet. Google ist mittlerweile das größte Busunternehmen in der Bay-Area mit 80.000 Passagieren pro Woche. So wird der Stillstand im Alten zumindest für Fortschritt im Neuen genutzt.

Die Situation des Ausblendens erinnert an viele Zukunftsmacher der Vergangenheit. Le Corbusier, zum Beispiel, Architekt, Urbanist und Erneuerer seiner Zunft, wohnte gemessen an seiner Auffassung des modernen Bauens in einer "Altbauwohnung".

Zukunft gerichtetes Denken und Handeln

Nicht viel anders hielt es Ferdinand Porsche, Pionier bahnbrechender und bis in unsere Gegenwart hineinwirkender Ingenieurleistungen. Als er Anfang der 1920er-Jahre zum technischen Direktor und Vorstandsmitglied der Daimler-Motoren-Gesellschaft in Stuttgart bestellt wurde, ließ er sich ein konventionelles Wohnhaus von Paul Bonatz, einem der bedeutendsten Architekten des Traditionalismus, bauen. Zu jener Zeit erfuhren die Ideen des Deutschen Werkbundes zur radikalen Erneuerung der Architektur aber bereits eine breite Popularisierung.

Was lernen wir daraus? Neues bedingt nicht notwendigerweise Neues im weiteren Umfeld. Erst durch ein in die Zukunft gerichtetes Denken und Handeln sowie durch zwischenmenschliche Interaktion wird das Morgen allgegenwärtig. Mit einer Frage möchte ich hier enden: Wie können die weltverändernden Erfindungen eine breite gesellschaftliche Vision verkörpern, wenn deren Ingenieure geprägt sind von einem permanenten Fokus?

(Michael Shamiyeh aus Palo Alto, 4.12.2017)