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Wie groß der Einfluss von Cholesterin auf das Herzinfarktrisiko ist

5. Dezember 2017, 10:56

Die Internistin Madhumita Chatterjee plädiert dafür, sämtlicher Fette im Körper zu messen. Nur so könne das Herzinfarkt- und Schlaganfallrisiko seriös eingeschätzt werden

Tübingen – Koronare Herzkrankheiten (KHK) und Herzinfarkt zählen zu den häufigsten Todesursachen. Nun hat die Internistin Madhumita Chatterjee vom Universitätsklinikum Tübingen einen wesentlichen Schlüssel, der KHK und dem Herzinfarkt künftig vorzubeugen kann, entdeckt. Die entscheidende Rolle spielt dabei das Cholesterin, ein lebenswichtiges Blutfett, das die Forscherin genauer unter die Lupe genommen hat.

Dass zu viel Cholesterin eine Arteriosklerose, im Volksmund auch "Gefäßverkalkung" genannt, und zu Herzinfarkt und Schlaganfall führen kann, ist hinlänglich bekannt. Um die Blutfette eines Patienten, in der Fachsprache Lipide genannt, und damit das Risiko für eine Herz-Kreislauferkrankung zu bestimmen, werden im Labor das Gesamt-Cholesterin, das HDL- und LDL-Cholesterin sowie die Triglyceride im Blutplasma gemessen.

"Damit wird man dem komplexen Krankheitsgeschehen aber nicht gerecht", sagt Chatterjee. "Ich habe mit neuen Technologien der Lipidomik – der Begriff für die Analyse sämtlicher Fette im Körper – Hunderte von Lipiden in KHK-Patienten gemessen." Mit ihrer Messung hat die Internistin alle Lipide erfasst: Nicht nur im Blutplasma, sondern auch in den Blutplättchen (Thrombozyten). Denn Blut besteht nur gut zur Hälfte aus Blutplasma. Den anderen Teil machen Blutzellen aus, zum Beispiel rote und weiße Blutkörperchen sowie Blutplättchen.

Die gesamten Blutfette erfassen

Die weitaus größere Menge der Blutfette befindet sich in den Blutplättchen. Sie spielen eine wichtige Rolle bei der Blutgerinnung, indem sie sich bei einer Verletzung eines Blutgefäßes an das umliegende Gewebe heften oder aneinander kleben und so die Wunde verschließen. "Die Thrombozyten saugen die Lipide quasi auf und transportieren sie im Körper", erklärt Chatterjee. "Damit werden sie aber in der üblichen Diagnostik nicht erfasst."

Hinzu kommt: Die Blutplättchen binden das Cholesterin an sich und verändern es chemisch. Es oxidiert und aktiviert infolgedessen die Thrombozyten. Daraufhin entzünden sich die ohnehin bei der KHK angegriffenen Gefäßwände im Laufe der Zeit noch mehr und verengen sich weiter. "Auch das Risiko, dass sich ein Gerinnsel bildet und einen plötzlichen Herzinfarkt verursacht, wird dadurch stark erhöht", betont Meinrad Gawaz, Ärztlicher Direktor und Ordinarius der Klinik für Kardiologie und Kreislauferkrankungen im Universitätsklinikum Tübingen.

So zeigen gerade Betroffene, die einen akuten Herzinfarkt erleiden, große Mengen an oxidiertem Cholesterin im Blut. "Wir müssen in Zukunft schon im Vorfeld zusätzlich die Blutfette in den Thrombozyten analysieren", betont Gawaz. "So können wir eine tickende Zeitbombe entlarven. Bei Patienten mit hohen Werten an oxidiertem Cholesterin müssen wir die Lipidtherapie intensivieren", betont der Experte.

Therapieoption

Die Empfehlung der Tübinger Mediziner: Herzkranke mit einer diagnostizierten KHK sollte täglich Acetylsalicylsäure (ASS) verabreicht werden. Damit wird verhindert, dass sich Blutgerinnsel in den Herzkranzgefäßen bilden. Darüber hinaus müssten Betroffene eine höhere Dosis so genannter Statine einnehmen. Diese Medikamente senken das erhöhte und für die Gefäße gefährliche LDL-Cholesterin und wirken gegen die Entzündungen der Innenhaut. Reiche das nicht gegen die erhöhten Cholesterinwerte aus, sollten den Forschern zufolge ergänzend so genannte PCSK9-Hemmer gegeben oder ganz auf die Einnahme dieser Arznei umgestellt werden. (red, 5.12.2017)