Jerusalem "rote Linie für Muslime": Erdoğan droht Israel mit Beziehungsende

5. Dezember 2017, 11:49

Der türkische Präsident warnt die USA davor, Jerusalem als Hauptstadt Israels anzuerkennen

Ankara/Jerusalem – Der türkische Präsident Tayyip Erdoğan hat die USA in starken Worten vor einer Anerkennung Jerusalems als Hauptstadt Israels gewarnt. "Herr Trump, Jerusalem ist eine rote Linie für die Muslime", sagte Erdoğan am Dienstag in einer Rede vor der Fraktion seiner Partei für Gerechtigkeit und Entwicklung (AKP).

Die Türkei könnte im Fall einer Änderung des Status von Jerusalem einen Abbruch der Beziehungen zu Israel erwägen, drohte Erdoğan. Die Anerkennung Jerusalems als Hauptstadt wäre für Erdoğan nicht nur ein Verstoß gegen internationales Recht, sondern auch "ein harter Schlag für das Gewissen der Menschheit". In einem solchen Fall würde er innerhalb weniger Tage einen Gipfel der Organisation für Islamische Zusammenarbeit (OIC) in Istanbul einberufen. "Auf diesem Gipfel werden wir die gesamte islamische Welt in Bewegung setzen", kündigte Erdoğan an. Die Türkei hat derzeit die OIC-Präsidentschaft inne.

Trump will über Verlegung der US-Botschaft entscheiden

US-Präsident Donald Trump will in den kommenden Tagen über eine Verlegung der US-Botschaft von Tel Aviv nach Jerusalem und dessen Anerkennung als Hauptstadt Israels entscheiden. Über entsprechende Berichte sei man "extrem besorgt", hatte Erdoğans Sprecher Ibrahim Kalin bereits mitgeteilt.

Israel hat die türkischen Drohungen wegen der möglichen Verlegung der US-Botschaft nach Jerusalem zurückgewiesen. "Jerusalem ist die Hauptstadt des jüdischen Volkes seit mehr als 3.000 Jahren und Israels Hauptstadt seit 70 Jahren, ungeachtet dessen, ob sie von Erdogan als solche anerkannt ist oder nicht", teilten Vertreter der israelischen Regierung am Dienstag mit.

Kein Land der Welt erkennt bisher Jerusalem als Hauptstadt Israels an, da die Palästinenser den Ostteil der Stadt selbst als Hauptstadt ihres Staates Palästina beanspruchen. Die internationale Gemeinschaft will zunächst eine Einigung der Konfliktparteien in dieser Frage abwarten.

Trump telefonierte mit Netanyahu, Abbas und Jordaniens König

Am Dienstag telefonierte Trump diesbezüglich mit dem den betroffenen politischen Machthabern im Nahen Osten, nämlich mit dem israelischen Premierminister Benjamin Netanyahu und dem palästinensischen Präsidenten Mahmoud Abbas. Eine Sprecherin Abbas' zufolge hat Abbas Trump davor gewarnt, die US-Botschaft nach Jerusalem zu verlegen: Dies hätte "gefährliche Konsequenzen".

Außerdem telefonierte er mit dem jordanischen König Abdullah. Was bei den Telefonaten sollte laut einer Sprecherin des Weißen Hauses später bekannt gegeben werden.

Viele Konsulate, keine Botschaft in Jerusalem

Die Überlegungen zur Verlegung der US-Botschaft stoßen bei den Palästinensern auf starken Widerstand, die radikalislamische Hamas hat mit einem neuen Aufstand gedroht. Auch die Arabische Liga und mehrere muslimische Staaten warnten eindringlich vor den Folgen eines solchen Schrittes. Das Weiße Haus teilte mit, dass eine eigentlich für Montag geplante Entscheidung verschoben worden sei, aber in den kommenden Tagen gefällt werde. Mehrere Staaten unterhalten in Jerusalem Konsulate, die USA wären aber das erste Land, das tatsächlich eine Botschaft in Jerusalem hat.

Auch der deutsche Außenminister Sigmar Gabriel warnte vor weitreichenden Konsequenzen, falls die USA Jerusalem als Hauptstadt anerkennen sollten. "Eine Lösung der Jerusalem-Problematik kann nur durch direkte Verhandlungen zwischen beiden Parteien gefunden werden", sagte der SPD-Politiker am Dienstag. "Alles, was sozusagen die Krise verschärft, ist kontraproduktiv in diesen Zeiten." (APA, red, 5.12.2017)