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Raich verteidigt Stams ohne Beschönigung

5. Dezember 2017, 17:28

Ex-Skistar: "Gezeichnetes Bild für mich sehr einseitig" – Werdenigg traf Ermittler – Tiroler Skiverband arbeitet auf

Innsbruck/Wien – Nicola Werdenigg nahm am Dienstag einen Termin bei der Innsbrucker Staatsanwaltschaft wahr. Sie traf zum ersten Mal Ermittler des Landeskriminalamts. Durch die im STANDARD veröffentliche Missbrauchsgeschichte der ehemaligen Skirennläuferin waren auch einschlägige schulische Einrichtungen in den Fokus gerückt, darunter das Skigymnasium Stams. Ein ehemaliger Schüler aus den 1980ern und 1990ern hatte anonym von schwersten, nicht sonderlich geheimen Übergriffen unter Schülern der Eliteanstalt berichtet.

Hermann Czetsch, zwischen 1975 und 1980 Lehrer und Erzieher im Internat der Burschen, versichert, von Übergriffen nie etwas mitbekommen zu haben, "und ich hätte es erfahren müssen". Ob außerhalb des Hauses, etwa auf Trainingslagern, etwas vorgefallen sei, könne er nicht beurteilen. Ex-Skirennläufer Benjamin Raich räumte in der "Tiroler Tageszeitung" ein, dass in seiner Schulzeit (1992 bis 1996) wohl auch "gepastert" wurde. Er selbst sei nie Opfer gewesen, und er wäre auch nie dabei gewesen.

Bezüglich des Umgangs unter den Schülern gebe es nichts zu beschönigen. "Wenn ein Junger frech ist, gibt’s auch einmal eine auf die Mütze." Die von einem Ex-Absolventen im STANDARD erhobenen Vorwürfe hält Raich dennoch für grob überzogen. "Das gezeichnete Bild ist für mich sehr einseitig." Er glaubt und hofft, dass es die beschriebenen Zustände in Stams nicht mehr gibt.

"Kein System"

Indes hat sich der Tiroler Skiverband (TSV) mit den Missbrauchsvorwürfen beschäftigt. Nach bisherigem Wissensstand stecke "kein System dahinter", sagte TSV-Präsident Werner Margreiter. Laut Auskunft des Landes habe man es mit vier Fällen zu tun, die aufgeklärt werden müssten. Zwei würden die ehemalige Skihauptschule Neustift betreffen, zwei weitere das Skigymnasium Stams.

In Bezug auf Neustift habe der TSV inzwischen rund 100 Protokolle aus Skiverbands-Sitzungen von 1969 bis 1977 durchforstet. Dabei sei man auf einen Bericht mit einem Vermerk über einen nicht näher angeführten "Vorfall" gestoßen. Ehemalige Schüler und Eltern hatten im STANDARD Missbrauchsvorwürfe gegen den damaligen Heimleiter geäußert.

Die Tiroler Landesregierung hat indes beschlossen, eine externe und unabhängige Kommission für die Aufarbeitung der Fälle einzurichten. Vertreter der Justiz, der Sportuniversität und der Pädagogischen Hochschulen sollen ihr angehören. Als Leiterin wurde Andrea Wibmer-Stern, Vorsteherin des Bezirksgerichts Kufstein, bestellt. (lü, APA, 5.12.2017)