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Neustift: Sexuelle Übergriffe der 90er-Jahre gemeldet, Aktenvermerke verschwunden

6. Dezember 2017, 11:25

Der zu Wochenbeginn suspendierte frühere Lehrer der Skihauptschule soll mehrfach Mädchen belästigt haben. Vorfälle wurden gemeldet, Konsequenzen blieben aus. Im Gegenteil, er wurde befördert

Innsbruck – Die sexuellen Übergriffe in der Neuen Mittelschule Neustift – früher Skihauptschule Neustift – beschränken sich offenbar nicht auf die 1970er-Jahre. Anfang der Woche wurde ein ehemaliger Pädagoge und Trainer suspendiert, der heute in führender Position in der Schulaufsicht tätig ist. Dem Mann wurden in den 1990er-Jahren, als er in Neustift arbeitete, mehrfach Übergriffe auf Mädchen vorgeworfen.

"Die Mädchen haben sich an eine Lehrerin gewandt, weil ihnen der Trainer, als er sie wie üblich am Wochenende zu einem Rennen begleitete, die Brüste massiert hat", erzählt ein ehemaliger Lehrer und Kollege des Beschuldigten. Die Lehrerin hatte das unverzüglich der Schulleitung gemeldet, die auch sofort reagierte. Die Direktion schaltete in Absprache mit dem Land das Kinderschutzzentrum Tangram ein.

"Eine Expertin dieser Einrichtung kam im Herbst 1995 in die Schule und hat mit dem gesamten Lehrerkollegium einen Workshop abgehalten, wie man mit sexuellen Grenzüberschreitungen umgeht", erinnert sich der Pädagoge. Dabei war auch der damals Beschuldigte anwesend. "Er hat die Vorwürfe nicht bestritten. Er war sehr still", erinnert sich ein weiterer Lehrer.

Fall wurde gemeldet, Aktenvermerke sind aber verschwunden

Beide ehemaligen Pädagogen bestätigen diesen Ablauf gegenüber dem STANDARD. Es wurden im Workshop sogar Richtlinien erarbeitet, wie mit dem Beschuldigten weiter umzugehen sei. Er dürfe sich nicht mehr ohne weibliche Begleitung Schülerinnen nähern. Und ihm wurde eine Therapie verschrieben. All das wurde auch an die höheren Instanzen in der Landesregierung gemeldet, sind sich beide ehemaligen Pädagogen sicher: "Wie das verschwinden konnte, verstehen wir nicht." Und es ist unklar, ob der Beschuldigte die vereinbarte Therapie jemals angetreten hat.

Auch die jetzige Bildungslandesrätin Beate Palfrader (ÖVP) zeigt sich bestürzt und alarmiert, dass keinerlei Hinweise zu finden sind: "Wir haben seit der Vorwoche sämtliche Akten durchforstet. Es gibt keinerlei Aktenvermerk." Die Landesrätin wird dazu sehr deutlich: "Dass es keine Spuren gibt, ist sehr verwunderlich. Ich verstehe das nicht, und es macht mich betroffen." Offenbar verschwanden die Meldungen aus Neustift in der Bildungsabteilung. Erst in der Sportabteilung sei man zufällig fündig geworden. Für die Landesrätin ist es unerklärlich, wie das passieren konnte, sie verspricht volle Aufklärung.

Der damalige Direktor der Skihauptschule Neustift, Anton Praxmarer, bekräftigt gegenüber dem STANDARD, dass die Vorwürfe gegen den Trainer und Lehrer ordnungsgemäß gemeldet wurden. Zu dieser Zeit war Bildungslandesrat Fritz Astl (ÖVP) sowohl für Sport als auch für Schulen zuständig. Das Land habe zusammen mit der Schulleitung die ebenfalls unter Kontrolle des Landes stehende Kinderschutzeinrichtung Tangram informiert. Warum all dies nicht in den Akten der Bildungsabteilung vermerkt wurde, ist Praxmarer unerklärlich.

Beschuldigter wurde befördert

Der Beschuldigte bewarb sich trotz allem Ende der 1990er-Jahre als Direktor in Neustift, woraufhin erneut – dann allerdings anonym – Vorwürfe in Form eines Briefes gegen ihn auftauchten. Er habe Mädchen mit anzüglichen Gesprächen belästigt. Der Brief sei an Bildungslandesrat Astl adressiert gewesen, sagt ein ehemaliger Pädagoge. Der Beschuldigte sei daraufhin nicht zum Direktor befördert worden.

Doch zehn Jahre später waren die Vorwürfe offenbar vergessen, und er wurde zum Direktor befördert. 2013 stieg er weiter auf in den Landesdienst, wo er seitdem eine führende Rolle in der Schulaufsicht bekleidet. Noch vergangene Woche äußerte er sich in den Medien, als die ersten Vorwürfe hinsichtlich Neustift aufkamen, und verteidigte die Einrichtung. Derartige Vorwürfe seien in Neustift nie Thema gewesen, er stelle der Einrichtung ein ausgezeichnetes Zeugnis aus.

Neben den neuen Vorwürfen betreffend die 1990er-Jahre weiten sich auch jene betreffend die 1970er-Jahre immer weiter aus. Offenbar wurde der damalige Heimleiter ebenfalls über Jahre gedeckt, obwohl es mehrfach Vorwürfe wegen sexuellen Missbrauchs gegen ihn gab. Der damalige Direktor der Skihauptschule sagt im Gespräch mit dem STANDARD, dass die Lehrer es nicht gewusst hätten. Doch er zeichnet ein düsteres Bild eines Systems, das den Nährboden für Übergriffe auf Kinder schaffte. Mehr dazu in Kürze im STANDARD. (Steffen Arora, 6.12.2017)