Heimat, die ich meine

Kolumne |
6. Dezember 2017, 16:28

Ein Weihnachtswunsch: Heimat als Ort der Inklusion, nicht der Exklusion

Ein Flüchtlingskind – oder, wie man damals sagte, ein Kind von Heimatvertriebenen – in den Fünfzigerjahren in Österreich. Der Heimatkult stand damals hoch im Kurs. Es gab nicht viel, worauf man stolz sein konnte, also war man stolz auf die Heimat, die Berge, das Brauchtum. Heimat überall. Alle haben eine Heimat, nur du nicht, dachte das Flüchtlingskind. Das machte traurig und machte es schwerer, sich dort, wo man nun einmal angekommen war, eines Tages auch heimisch zu fühlen.

Die Geschichte wiederholt sich. Auch heute steht die Heimat wieder hoch im Kurs. Die FPÖ, die sich eine soziale Heimatpartei nennt, kommt in die Regierung. Ein Heimatschutzministerium, heißt es, soll errichtet werden. Die Heimat schützen heißt aufpassen, dass nichts Fremdes unser österreichisches Heimatbild verfälscht und verändert. Kopftücher? Nicht heimatgerecht. Ein türkisches Lied im Kindergarten? Skandal. Und die allergrößte Gefahr: Islamisierung!

Viele Einheimische fühlen sich inzwischen hin- und hergerissen zwischen den Super-Heimattreuen und den Super-politisch-Korrekten. Weihnachten rückt näher. Soll man aus Rücksicht auf die vielen Zuwanderer nun die heimischen Weihnachtsbräuche zurückfahren? Keine Weihnachtsfeier in den Schulen, wo längst die muslimischen Kinder die Mehrheit bilden? Rudolf, das Rentier statt Ihr Kinderlein kommet? Kein Nikolo? Ist es ausländerfeindlich, auf dem Land gern Dirndl und Lederhose zu tragen? Speckbrot und Schweinsbraten – eine Provokation? Allmählich bekommt man den Eindruck, die einfachsten Alltagsdinge würden plötzlich ideologisch aufgeladen und zur heißumkämpften Glaubensfrage hochstilisiert.

Vielleicht ist das Ganze sehr viel einfacher. Vielfalt ist eine urösterreichische Eigenschaft. Niemand nimmt uns unsere heimatlichen Bräuche und Gewohnheiten weg. Es kommen nur einige dazu. Wir haben uns einst an ungarisches Gulyás und böhmische Golatschen gewöhnt, später an Pizza und Cevapcici. Jetzt gibt es eben auch Kebab und Sushi. Für muslimische Zuwanderer muss es eine Selbstverständlichkeit sein und ist es mit wenigen Ausnahmen auch, hiesige Gepflogenheiten zu respektieren und zu schätzen, inklusive Weihnachten und Nikolo. Aber auch für uns, Kinder einer globalisierten Gesellschaft, gehört es mittlerweile zur Allgemeinbildung, zu wissen, wann Ramadan und Pessach gefeiert werden. Es ist schön, als Nichtmuslimin zum Fastenbrechen eingeladen zu werden oder als Nichtjüdin zu einem Bar-Mizwa-Fest. Bei der vorjährigen Caritas-Weihnachtsfeier pflückten die afghanischen und syrischen Kinder begeistert Süßigkeiten vom Christbaum, und allen gefiel es, wenn Fremde und Einheimische ihre jeweiligen Lieder sangen.

Was ist Heimat im 21. Jahrhundert? Ein Weihnachtswunsch: Heimat als Ort der Inklusion, nicht der Exklusion. Nicht als Festung gegen alles Fremde, sondern als Ort, an dem sich viele zu Hause fühlen können, Alteingesessene wie Zugereiste. Wo Vielfalt nicht Gleichschaltung, Beliebigkeit und Verwässerung bedeutet, sondern kulturellen Reichtum. Wo Christen und Muslime sich in vielen wesentlichen Angelegenheiten einig sind und gut miteinander auskommen können. Und wo die neuen Flüchtlingskinder nicht das Gefühl haben müssen, alle hätten eine Heimat, nur sie nicht. (Barbara Coudenhove-Kalergi, 6.12.2017)

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