Foto: Florian Vetter

Der auffällig unauffällige Trainer

Reportage mit Video |
19. Februar 2018, 12:14

Stefan Weissenböck macht als Individualtrainer beim deutschen Serienmeister Bamberg einzelne Basketballspieler besser. Der 44-jährige Mistelbacher erweckt damit bereits Interesse aus der NBA. Ein Besuch in Bamberg

Bamberg – Strullendorf, Oberfranken. Trainingszentrum des neunfachen deutschen Basketballmeisters Bamberg, nur wenige Kilometer außerhalb der Stadt. Stefan Weissenböck steht in schwarzer Jogginghose und T-Shirt in der Halle und schaut sich die Wurfbewegungen der Profis an. Sein Zeitplan ist durchgetaktet, am Vormittag lässt sich die halbe Mannschaft von ihm beratschlagen. "Wenn wir schlecht werfen im Match, dann ist das auch schlecht für mich", sagt Weissenböck.

Der 44-jährige Mistelbacher gehört bei Brose Bamberg zu einem 14-köpfigen Trainerstab, auf das Coaching in Spielen hat er aber keinen Einfluss. Er ist Individualtrainer. "Ich bin bewusst unsichtbar. Die Spieler wissen, dass es mich gibt, der Headcoach weiß, dass ich seine Spieler besser mache. Ansonsten bleibe ich im Hintergrund", sagt Weissenböck zum STANDARD.

Bamberg vs. Bayern München

Bamberg, eine pittoreske Kleinstadt mit einem mittelalterlichen Kern, mit der höchsten Dichte an Bierbrauereien der Welt, wird liebevoll "Freak City" genannt. Denn nirgendwo ist die Basketball-Euphorie größer in Deutschland. In den vergangenen acht Jahren wurden sieben Meistertitel geholt, mit einem Etat von 18 Millionen Euro spielt man längst in Europas Basketball-Königsklasse, der Euroleague, mit. In Deutschland gibt es ein Wettrüsten mit Bayern München (16 Millionen Euro Budget), wo Uli Hoeneß große Pläne wälzt.

In der Euroleague spielt Bamberg fast ausschließlich gegen finanzstärkere Teams.
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Dass Bamberg finanziell nicht die Luft ausgeht, liegt an Michael Stoschek. Der 70-jährige Deutsche hat den Autozulieferer Brose zu einem Weltkonzern mit mehr als sechs Milliarden Euro Umsatz gemacht und ist Hauptsponsor des Vereins. "Ein sehr fordernder Mensch, der aber auch Herausforderungen annimmt. Er will sich von Bayern München nicht kleinkriegen lassen."

Die Erwartungshaltung ist enorm hoch. "Bei uns kommt jede Niederlage einem Begräbnis gleich, die Stadt steht Kopf. Wenn wir dreimal am Stück verlieren, bleibt sogar der Buschauffeur stehen und beschwert sich. Es ist der Fluch, dauernd gewinnen zu müssen."

Das Maß des Erfolgs

Ein Headcoach wird an Erfolgen gemessen. Woran misst man einen Individualtrainer? Die Wurfquote ist ein Kriterium, aber auch die Meinung der Spieler. "Sie transportierten meinen Ruf, das ist nicht so spektakulär wie über die Medien, aber verlässlich." Der US-Amerikaner PJ Tucker hatte eine Dreier-Wurfquote von 22 Prozent als er 2011 nach Bamberg kam, mittlerweile spielt er seine siebte Saison in der National Basketball Association (NBA), derzeit bei den Houston Rockets. Weissenböck korrigiert Technik, Fußstellung, Bewegungsabläufe. Immer in Einbeziehung der Spieler, "weil sie werfen den Ball in den Korb, nicht ich".

Weissenböck sitzt bei Spielen am Ende der Bank, jubelt aber schon mit.
foto: brose bamberg/daniel löb

Deswegen funktioniert die Arbeit auch für Stefan Weissenböck. "Weil ich mich nicht über die Spieler stelle, und das merken diese auch schnell." Seine Aufgaben reichen bis ins Vortaktische, Spielzüge des Teams gehören da nicht mehr dazu. Dass Bamberg regelmäßig Spieler an europäische Topklubs und auch an die NBA verliert, ist die Bestätigung für seine Arbeit. Dankbarkeit dürfe man sich in diesem Job aber nicht erwarten. Lob bekommt häufig der Headcoach, obwohl das oft die umstrittenste Person im Team ist.

Kein Konflikt

Weissenböck, grau meliertes Haar, 1,96 Meter groß, sieht immer noch sehr sportlich aus. Mit St. Pölten wurde er in den 1990ern drei Mal Meister, spielte 34 Mal fürs österreichische Nationalteam, nach Auslandsstationen an der Hawaii Pacific University, in Lissabon und Nürnberg wechselte er die Seiten. Begonnen hat Weissenböck in Nürnberg in der zweiten Liga und später in Bamberg als Assistent und Video-Scout. Mittlerweile reichen ihm 30 Sekunden, um die Schwächen eines Spielers zu erkennen. Gearbeitet wird prinzipiell jeden Tag.

Interesse am Job des Headcoachs hat Weissenböck nicht, darum gibt es auch keine Konfliktlinien mit dem Trainerteam um den italienischen Ex-Headcoach Andrea Trinchieri (er wurde mittlerweile gefeuert) , "ich lasse mich nach gewonnenen Spielen auch nicht feiern. Man muss schon aufpassen, es gibt Leute die in dem Geschäft, die 20 Jahre mehr Erfahrung haben als ich. Ich glaube, ich wäre ein guter Headcoach, aber in meiner jetzigen Position bin ich besser."

Das hat sich bis ins Mekka des Basketballs, die NBA, herumgesprochen. Im vergangenen Jahr lehnte Weissenböck Angebote der Oklahoma City Thunder und der Brooklyn Nets ab. Sein Vertrag in Bamberg läuft noch bis 2020. "Mir taugt's hier", sagt Weissenböck, der eine Frau und zwei Kinder hat. Derweil möchte sich Weissenböck einen Job erschaffen, den es bisher nicht gibt: als Individualbetreuer, der sich mit NBA-Spielern quasi in einer Fernbeziehung befindet. Jakob Pöltl hat er bereits mit seinem Wurf geholfen, der Tscheche Tomas Satoransky (Washington Wizards) sucht Weissenböck regelmäßig im Sommer auf und um Rat an. Auch mit Ex-Bambergern, die in der NBA oder bei anderen Vereinen auf höchstem europäischen Niveau spielen, ist der Kontakt nie abgerissen. "Man sieht, dass Bamberg in der Lage ist, NBA-Spieler herauszubringen", sagt Satoransky, "das sollte interessant sein für junge Spieler."

Hinter den Kulissen

Bambergs Möglichkeiten sind dennoch begrenzt, die Stadt hat 70.000 Einwohner. Die Halle ist mit 6.500 Zuschauern fast immer ausverkauft, ein Umzug nach Nürnberg ist ein heikles Thema bei den Fans, Stichwort: Regionale Treue. Langfristig strebt Bamberg eine feste Mitgliedschaft in der Euroleague an. Derzeit gibt es elf feste Mitglieder, die Gesellschafter der Euroleague sind. Fünf weitere Teams müssen sich sportlich qualifizieren, haben aber weniger Rechte und sind auch nicht an Sponsoreinnahmen beteiligt. "Diese Zwei-Klassen-Gesellschaft ist weder wirtschaftlich, noch sportlich in Ordnung", sagt Aufsichtsratchef Michael Stoschek. Die Fleischtöpfe im europäischen Basketball sind in Moskau, Istanbul und Madrid. ZSKA Moskau hat einen Etat von 45 Millionen Euro, "die haben ihren eigenen Flieger, kaufen sich die Landeerlaubnis für die kleineren Flughäfen wie bei uns in Nürnberg und verlieren keinen Trainingstag durchs Reisen. Das macht den großen Unterschied zu uns aus". Pikant: Auch Bayern München soll sich um eine fixe Lizenz bewerben und will mit einer neuen, 10.000 Zuschauer fassenden Red Bull Arena ab 2021 schon einmal gute Voraussetzungen schaffen.

"Wenn wir schlecht werfen im Match, dann ist das auch schlecht für mich", sagt Weissenböck.
foto: brose bamberg/daniel löb

Es geht aber natürlich noch eine Nummer größer. Bei diversen NBA-Klubs hat Stefan Weissenböck in den vergangenen Jahren hospitiert, abgesehen von den fixen Gehälterstrukturen der Spieler "spielt das Gerstl in der Organisation dort keine Rolle." In der NBA hat jedes Team seinen eigenen Flieger, die Spieler werden von der Halle direkt zum Flugfeld gebracht und müssen nur ihren Ausweis zeigen bevor die nächste Stadt angesteuert wird. Kein Trainer muss dort eine Tasche tragen. "Du kannst unsere Verhältnisse in Europa nie vergleichen mit dem Komfort, den dir die NBA bietet, damit man diesen Spielplan aushält." In Bambergs Spielkalender stehen 64 Saisonspiele, die Play-offs noch nicht eingerechnet. Das sind nur knapp 20 weniger als in der NBA.

Die Entwicklung des Spiels

Zurück nach Strullendorf. Das Trainingszentrum befindet sich im ehemaligen Rathaus der Gemeinde. "Hier sind wir ein wenig abgeschottet, das ist wichtig. In Bamberg erkennt uns jeder, der Trubel ist zu groß." Es herrscht viel Platz, Trainerteam, Pressearbeit, Sportdirektor, jeder hat sein eigenes Büro. Die Spieler haben großzügige Kabinen, neben dem Kraftraum gibt es auch eine Kältekammer für Kryotherapie (Regeneration!), nur eine eigene Kantine am Trainingsgelände haben die Bamberger im Vergleich etwa zu den Toronto Raptors nicht. Stefan Weissenböck arbeitet am Tag des STANDARD-Besuchs mit Nachwuchsspielern, die am Sprung stehen auf die große Bühne. Eins gegen Eins-Drills, Dribblings, Handwechsel, Techniktraining. Er gibt Kommandos, lobt und kritisiert. "Ich gebe den jungen Spielern alles mit, was ich weiß. Wenn sie schlampig sind, werde ich grantig, aber ich mache sie nie so zur Schnecke, dass sie ihr Gesicht verlieren."

Stefan Weissenböck bei der täglichen Arbeit.
vetter

Weissenböck spricht nach dem Training von einem Sport der sich unheimlich rasant entwickelt, taktisch, technisch, von der Geschwindigkeit. Das meiste lernt man einfach von den besten Spielern, allen voran aus der NBA. "Sie springen ständig und verzögern bei ihren Bewegungen. Es ist nicht mehr wie früher, Dribbling und Stop. Heute wird ständig getanzt, diagonal und zurück, parallel zur Seite, immer darauf aus, den Verteidiger auf dem falschen Fuß zu erwischen." Spieler der alten Basketball-Schule haben es heute schwer, an immer athletischeren und stärkeren Verteidigern vorbei zu kommen. Eine einfache Finte reicht oft nicht mehr. "Mit der "triple threat position" (aus dem Stand werfen, passen oder dribbeln, Anm.) kommst du heute nirgendwo mehr hin".

Auch deshalb bleibt das Interesse von NBA-Klubs an Weissenböck ungebrochen. NBA-Funktionäre stellen dann die klassische Frage eines Bewerbungsgesprächs: Wo sehen sie sich in fünf Jahren? Weissenböck: "In fünf Jahren, soll man wissen, dass es in Europa einen Individualtrainer gibt der deine Probleme lösen kann." (Florian Vetter, 19.2.2018)

Zur Person:

Stefan Weissenböck (44) spielte 34 Mal für das österreichische Basketball-Nationalteam, seit 2005 in Deutschland als Assistenz-und Individualtrainer bei Nürnberg und später bei Bamberg tätig.