Ernesto Gelles

Thomas Maurer: Blutauffrischung in Frankensteins Valley

16. Dezember 2017, 08:00

In seinem neuen Soloprogramm "Zukunft" spielt der Kabarettist mögliche Schreckens- und Hoffnungsszenarien durch. Bei aller Faszination für die digitale Revolution plädiert er am Ende doch für die Skepsis

Wien – "Was man nicht im Kopf hat, sondern auf dem Handy, muss man nicht im Kopf haben", sagt Thomas Maurer. Dumm nur, dass Kabarettisten traditionellerer Schule wie er gern noch recht viel im Kopf haben. Vor allem dann, wenn es darum geht, in geselliger Tischrunde nach drei, vier, fünf Flascherln Cabernet Sauvignon die wirklich drängenden Fragen zu klären: Warum heißt Ketchup Ketchup und Mayonnaise Mayonnaise?

Früher, als man das Internet noch nicht einstecken konnte, wäre Maurer jetzt erklärungstechnisch zur Hochform aufgelaufen, hätte sich noch einmal nachgeschenkt und den nahenden Geistestriumph in vollen Zügen zelebriert. Heute, weiß Maurer, ist der schmähstade Duckmäuser aus der zweiten Reihe von links hinten meistens schneller. Wikipedia als Tod des Tischrundencapos. Muss man erst einmal verkraften.

Die sich endlos verschachtelnde Netzenzyklopädie zählt aber noch zu den positiveren Revolutionen, derer sich Thomas Maurer in seinem neuen Soloprogramm annimmt. Es heißt Zukunft, ist sein 15. und feierte jetzt im Stadtsaal Wien-Premiere. Doziert wird darin über ein Thema, das spätestens seit der letzten Nationalratswahl auch bei Oma und Opa in Stixneusiedl angekommen sein sollte: nein, nicht der böse Zuwanderer, die Digitalisierung.

Die Macht der Maschinen

Da geht es um demnächst von Maschinen dahingeraffte Jobs, selbstfahrende Autos, die man effizienterweise bei der Formel 1 einsetzen sollte, natürlich um Spotify, Amazon und Co, die heute "viel besser wissen als du, was dir als Nächstes am besten gefällt" oder um die elektrische Direktstimulation glücklichmachender Gehirnregionen als Drogenersatz.

Eingehend beschäftigt hat sich Maurer, der seine anhaltend starken Programme quasi im Jahresrhythmus aus der Hüfte schießt (oder aus Google saugt?), mit der zeitweilig an Dr. Frankenstein gemahnenden Silicon-Valley-Philosophie des Transhumanismus. Dessen Vertreter setzen sich bei der Beseitigung menschlicher Schwächen durch Technologie prinzipiell einmal wenig Grenzen.

Maurer erzählt von jener Schar an New-Economy-Milliardären, die sich seit einiger Zeit mit Nachdruck darum kümmern, ihr eigenes Dahinscheiden zu stoppen. Allen voran Paypal-Gründer und Facebook-Investor Peter Thiel, der neuerdings mit Erfolg seine Zellen durch die Verabreichung von Blut jüngerer Artgenossen erneuert.

Es geht aber auch um bodenständigere Grenzverschiebungen, wenn Maurer etwa die Frage aufwirft, ob der Bischof mit Herzschrittmacher schon die wandelnde Blasphemie darstellt oder dem Deep-Learning-Sexroboter der Zukunft beim Zipfelziehen hoffentlich eh keine ungute Kurzschlusshandlung einfällt.

Der atomare Fehlalarm

Auf einem Digitalbildschirm spielt Maurer alte und neue Schreckensszenarien auch mit Schauspielerunterstützung durch. Er blendet zurück ins Jahr 1983, als er als grünbewegter Revoluzzer die Klimarettung einmahnte, während ein gewisser General Petrow in der atomar hochgezüchteten UdSSR den Dritten Weltkrieg nur dadurch verhinderte, dass er nach einem Fehlalarm der sowjetischen Satellitenüberwachung lieber noch einmal selbst nachdachte.

Folgerichtig ist es vor allem Technikskepsis, die das Zukunftsprogramm von Thomas Maurer im Vergleich zu anderen, die derzeit ähnliche Themen behandeln, auszeichnet. Dass in der digitalen Überforderung, "wenn wir alle miteinander keine Ahnung mehr haben, wie die Welt um uns herum eigentlich funktioniert", auch ein demokratisch verbindendes Moment liegt, macht Maurer dann aber doch noch optimistisch.

Innenpolitisch wird in Zukunft die Welt übrigens nicht neu erfunden: Die Regierung Schwarz-Blau 2.0 ist für Maurer ungefähr "so sinnvoll, wie sich die Milchzähne noch einmal einsetzen zu lassen". (Stefan Weiss, 16.12.2017)