Foto: APA/HERBERT PFARRHOFER

Rogan an Thiem: "Es hat mir wehgetan, dir zuzusehen"

28. Dezember 2017, 14:54

Österreichs einstiger Topschwimmer schreibt einen offenen Brief an Tennisprofi Dominic Thiem

Wien – Zwei olympische, neun WM- und zum Drüberstreuen 23 EM-Medaillen. Markus Rogan ist der mit Abstand erfolgreichste Schwimmer, den Österreich je hervorgebracht hat. Nach Olympia 2004 war er Everybody's Darling. Dabei blieb es nicht. Er hat den Mund oft zu voll genommen und seinem Leben viele Wenden gegeben.

Heute ist Rogan in Kalifornien privat und beruflich "gesettelt". Er ist einer der Direktoren im Paradigm Malibu, einer Einrichtung für Teenager mit Depressionen, Angststörungen und Drogenproblemen.

Das Sportgeschehen verfolgt er nach wie vor, so auch die Karriere des Dominic Thiem, dessen Herbstsaison 2017 weitgehend unglücklich verlief. Am Freitag startet Thiem mit dem Einladungsturnier von Abu Dhabi ins neue Jahr. Zuvor ließ Rogan dem STANDARD einen offenen Brief an den Tennisprofi zukommen.

"Lieber Dominic,

Als Sportler hat es mir wehgetan, dir in deiner mentalen Formkrise zuzusehen. Ich habe keine Ahnung, wie es sich anfühlt, am Centre Court zu stehen und dabei zu spüren, dass der nächste Schlag um einiges schlechter sein wird als der, den ich gerade noch im Training so gut traf.

Aber ich weiß das eine oder andere über Selbstzweifel. Vielleicht denkst du, dass der folgende Brief Blödsinn ist. Der obergscheite Rogan erzählt wieder mal irgendeinen Schas. Aber vielleicht findest du irgendetwas in diesen paar Sätzen, das dir in der Suche nach mentaler Stärke hilft.

Zweifel an den eigenen Fähigkeiten ist menschlich. Und gesund. Ich selbst hätte wohl öfter die Notwendigkeit oder die Relevanz meiner Aussagen anzweifeln sollen. Wir alle sind die Nachkommen von ängstlichen Vorfahren. Diejenigen unserer Vorfahren, die keine Angst hatten und mit prahlender Selbstsicherheit durchs Leben gingen, wurden von Löwen überrascht und zerfleischt.

Heute müssen wir uns nicht vor Löwen fürchten, aber unser Gehirn funktioniert wie das unserer Vorfahren: Der Angstzustand aktiviert einen neuronalen Mechanismus im Gehirn, der rationales Denken ausschaltet und den Körper zunächst extrem sensibel, dann flucht- und kampfbereit und im Endzustand schockstarr werden lässt.

Manchmal können Selbstzweifel Oberhand bekommen und unsere Fähigkeiten dramatisch reduzieren. Vor allem, wenn wir übersensibel auf diverse Warnsignale reagieren und unsere natürliche Angstreaktion verfrüht einleiten.

Ein vereinfachtes Beispiel: Es ist relativ leicht, auf einem Randstein zu balancieren. Wir können locker auf einem schmalen Streifen, der ein paar Zentimeter über der Straße liegt, entlanggehen.

Wenn es aber eine gleich breite Mauer ist, die drei oder gar zehn Meter hoch ist, wackeln wir herum, gehen unsicher oder trauen uns erst gar nicht, den ersten Schritt zu machen. Körperlich ist die Herausforderung exakt gleich. Mental ist sie grundverschieden.

Unser Hirn ist drauf programmiert, aktuelle Warnsignale wahrzunehmen und den sichersten Weg zu wählen. Wenn wir auf einer schmalen, zehn Meter hohen Mauer balancieren und kurz hinunterschauen, sieht das Hirn nur den Abgrund.

Die Kunst der besten Performer ist es, sich auf leistungsrelevanten Input zu konzentrieren, zu verstehen, dass der Abgrund nicht dazugehört. Es geht darum, den aktuellen Moment (den Schritt, den wir gerade gehen, die Bewegung, die wir gerade ausführen) wahrzunehmen, zu beobachten und wertfrei zu erkennen.

Wenn wir auf zukünftigen, noch nicht existierenden und in Wahrheit erfundenen Input ("Ich gehe auf einer hohen Mauer und werde hinunterfallen. Ich habe gerade ein Game verloren, also werde ich den Satz verlieren, oh nein, es passiert schon wieder …") reagieren, kreieren wir eine sich selbst erfüllende Prophezeiung. Im Hirn werden neuronale Bahnen aktiviert, die den Untergang visualisieren und dadurch den Körper zielgerichtet dorthin steuern.

Langes Gerede, kurzer Sinn: Die entscheidende mentale Stärke ist es, unter Druck das Jetzt von der Zukunft zu unterscheiden. Wir reagieren im Stress oft auf Dinge, die noch gar nicht passiert sind, und lassen somit den Moment und unsere Kraft, ihn zu beeinflussen, außer Acht.

Lieber Dominic, was ich eigentlich sagen will: Ich wünsche dir als Sportler alles erdenklich Gute. Und dass du in Büchern wie 'The Inner Game of Tennis' von Tim Gallwey Wege findest, den Moment wertfrei zu beobachten und zu erleben – auch unter schwierigsten Umständen." (red, 28.12.2017)