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"Du wirst mich nie mehr vergessen": Wie Cyberstalker ihre Opfer quälen

7. Februar 2018, 09:51

Mehr als 500 Fälle von Cyberstalking wurden in den vergangenen drei Jahren angezeigt – soziale Medien verschärfen das Problem enorm

Für Basti* begann es mit einem Swipe. Für Sarah* mit einem Tweet. Für Aleksandra mit einer Lifestyle-Kolumne: All diese Ereignisse, klein und harmlos, sorgten für monate-, teils jahrelange Qualen der Betroffenen. Denn sie hatten sich einen Stalker eingefangen, der sie online verfolgte und ihre Profile, aber auch die ihrer Freunde, Kollegen und Verwandten, mit Nachrichten voller Hass, Lügen und Verleumdungen bombardierte.

Sie sind nicht alleine: Über 500 Mal leiteten Staatsanwaltschaften in den vergangenen drei Jahren in Österreich Ermittlungen wegen der "Beharrlichen Verfolgung" auf. Die Dunkelziffer an Fällen dürfte weitaus höher sein. Auch von den drei Betroffenen, die ihre Geschichte ausführlich dem STANDARD erzählten, ging nur eine Person zur Polizei. Aus vielen Recherche-Gesprächen mit weiteren Stalking-Opfern geht hervor, dass Betroffene sich schämen, verfolgt zu werden; dass sie Angst haben, den Täter zu provozieren oder Mühen und Kosten scheuen.

Frauenanteil bei Tätern online höher

Stalker können männlich oder weiblich, hetero oder LGBT sein. "War es beim klassischen Stalking noch so, dass die Täter zu rund achtzig Prozent aus Männern bestehen, kann man beim Cyberstalking eine Verschiebung dazu feststellen", sagt die Sicherheitsforscherin Edith Huber von der Donau-Uni Krems zum STANDARD. Online ist der Frauenanteil unter Tätern deutlich höher. Huber führte 2010 eine Studie durch, der zufolge 48 Prozent der Cyberstalking-Opfer männlich waren.

Stalker stammen aus den unterschiedlichsten Backgrounds, und auch ihr "Ziel" ist nicht immer gleich. Oft geht es um Liebe und Sex. Basti lernte seinen Stalker etwa auf einer Dating-App kennen, später traf er ihn zufällig in einem Universitätskurs. "Er wollte mit mir schlafen, ich habe ihn zurückgewiesen", erzählt Basti. Tatsächlich kann eine sogenannte "narzisstische Kränkung" Stalking auslösen.

Vielzahl von Motiven

Es gibt aber eine Vielzahl von Motiven: Psychiater der Cambridge University haben sechs verschiedene "Stalking-Profile" identifiziert. Unter den Stalkern finden sich Sadisten, Psychopathen, rachsüchtige Personen, aber auch Menschen, die zu geringe Sozialkompetenzen aufweisen. "Des Weiteren gibt es auch finanzielle Interessen als Auslöser, also wenn etwa von jemandem Geld erpresst wird oder dieser zu einer Handlung gezwungen werden soll", sagt Huber.

Bastis Stalker begann etwa, ihn über dessen Social Media-Accounts auszuspionieren. Er schrieb dessen Freunde an und erklärte sich zu Bastis "Feind", an den sich das Opfer "immer erinnern müsse". Auch zu Basti selbst nahm der Stalker immer wieder Kontakt auf. Blockierte der Student das Profil seines Verfolgers, erstellte dieser einfach ein neues.

Bastis Fall illustriert, wie soziale Medien Stalking drastisch verschärfen können. So ist es einfacher als je zuvor, Opfer auszuspionieren. Diese müssen nicht mehr physisch verfolgt werden, es reicht der Blick auf Instagram, Facebook und Co. Laut Huber waren 2010 noch SMS und E-Mail die am häufigsten vorkommenden Kommunikationsmittel beim Cyberstalking, nun ist eine Verschiebung auf die sozialen Medien feststellbar.

Selbst, wenn der Betroffene seine Social Media-Aktivitäten herunterfährt, bleiben Spuren auf den Profilen von Freunden und Bekannten vorhanden. Auch diese können vom Stalker leichter als früher kontaktiert werden.

Sarah: Eine Twitter-Freundschaft wird zur Qual

Das musste etwa Sarah erfahren. Sie war früh auf Twitter aktiv und gehörte zu jenen Nutzern, die tatsächlich Freundschaften über das soziale Netzwerk schlossen. Darunter auch eine, die sie später stark bereuen sollte. Twitter ermöglichte es Sarah aus Wien, nächtelang mit Trixi aus Westösterreich zu blödeln. Ein paar Monate später trafen sich ein paar "Twitteristi" in Wien, um sich auch mal "im echten Leben" kennenzulernen. Trixi reiste an, Sarah kümmerte sich um sie, organisierte etwa eine Stadtführung. "Ein gelungenes Wochenende", sagt Sarah rückblickend. Doch dann begann Trixi, immer mehr Kontakt zu wollen. Es gab nächtelange Telefonate, in denen Trixi sich bei Sarah über die Ungerechtigkeiten in ihrem Leben ausheulte.

Verleumdung

Irgendwann war es Sarah zu viel. Doch wenn sie für Trixi nicht "zur Stelle" war, folgte sofort ein öffentlicher Tweet, in dem Sarah herabgewürdigt wurde. Als sie den Kontakt abbrach und zu ihren Eltern reiste, fand Trixi sogar deren Telefonnummer heraus. Es folgte eine üble Verleumdungskampagne: Sarah wurden Affären und psychische Krankheiten angedichtet. Wildfremde User beschimpften die Wienerin auf Twitter und drohten ihr sogar, ihre Geschäftskunden über die erfundene Geisteskrankheit zu informieren. "Mit den Jahren wurde der Spuk weniger, ganz vorbei ist er aber immer noch nicht", sagt Sarah dem STANDARD.

"Pseudo-Polin"

Zur Polizei sind weder Sarah noch Basti gegangen, wenngleich sich Sarah von einem befreundeten Beamten beraten ließ. Anders Aleksandra, eine Journalisten aus Wien. Sie schreibt Texte für das transkulturelle Magazin biber, vorwiegend in den Bereichen Lifestyle und Kultur. Aber auch über die Situation von Frauen in ihrem Geburtsland Polen schrieb die 25-jährige. Im August 2014 wurde sie zur Zielscheibe. "Pseudo-Polin" oder "Tschetschenen-Matratze" waren noch die harmlosesten Beschimpfungen, die sie in auf Polnisch verfassten Facebook-Nachrichten erhielt. Wie bei Basti spielte ihr Verfolger mit Aleksandra Katz und Maus: Sobald sie ein Profil blockierte, tauchte ein neues auf.

Aus Aleksandras Profilbild bastelte der Stalker, der sie immer wieder kontaktierte, ein Meme, das er wohl in nationalistischen Facebook-Gruppen verbreitete. Es folgten dutzende Freundschaftsanfragen von rechtsextremen Polen. Genau wie bei Basti und Sarah wurden auch Menschen im Umkreis von Aleksandra kontaktiert, etwa ihr Bruder und ihre Freunde. Sogar im physischen Leben hinterließ der Stalker Spuren, so besprühte er vermutlich die Eingangstür zur Biber-Redaktion.

"Beamte haben sich nicht ausgekannt"

Mit der Reaktion der Polizei ist die Journalistin unzufrieden. "Die Beamten haben sich nicht gut ausgekannt, ich habe nie eine Rückmeldung erhalten", sagt Aleksandra zum STANDARD. Da sie schon in Biber über ihre Erfahrungen berichtet hat, muss ihr Name nicht anonymisiert werden. Doch fast alle der anderen Befragten – der STANDARD sprach mit rund einem dutzend Betroffenen – wollten nicht öffentlich genannt werden.

"Die Gesetzeslage ist recht gut, das Problem liegt in der praktischen Strafverfolgung", sagt Dina Nachbauer von der Opferschutzorganisation Weißer Ring. Sie berichtet von einem Fall, bei dem ein Richter einer Betroffenen riet, "einfach nicht mehr Facebook zu benutzen". Mit einer jüngeren Generation an Polizisten und Richtern werde sich das aber ändern, sagt Nachbauer.

Nachbaur und Sicherheitsforscherin Huber raten Betroffenen beide, die Schritte ihres Stalkers zu dokumentieren (etwa mit Screenshots), damit Beweise für dessen kriminelles Verhalten aufliegen. Außerdem sollten Social Media-Aktivitäten eingestellt werden und eine Strafanzeige bei der Polizei eingereicht werden. Außerdem können sich Opfer bei Organisationen wie dem Weißen Ring melden – am besten "so früh wie möglich". Wichtig sei, sich Strategien zu überlegen, um Abstand zu gewinnen und seine Psychohygiene zu pflegen, so Nachbaur. (Fabian Schmid , 7.2.2018)