Foto: Ozan Kose

Asli Erdogan: "Die Solidarität draußen hat mir das Leben gerettet"

Interview |
24. Jänner 2018, 18:36

Die türkische Journalistin und Autorin war wegen prokurdischer Artikel in Haft. Sie berichtet vom Trauma, das das Gefängnis hinterließ. Und erfährt erstmals, dass ihr Graz Asyl anbieten will

Wien – Die gelernte Kernphysikerin Asli Erdogan ist eine der renommiertesten Autorinnen der Türkei und eine laute Stimme für Menschenrechte. Ihre Beiträge für die prokurdische Zeitung Özgür Gündem wurden ihr zum Verhängnis. Im August 2016 wurde sie verhaftet und verbrachte 136 Tage im Gefängnis. Die Vorwürfe: "Volksverhetzung" und "Mitgliedschaft in einer illegalen Organisation". Der Staatsanwalt forderte lebenslange Haft, doch Erdogan kam Ende 2016, gesundheitlich schwer gezeichnet, frei. Im September 2017 durfte sie ausreisen. Das Verfahren gegen sie läuft noch. Doch sie erhielt das zweijährige Stipendium "Stadt der Zuflucht" in Frankfurt, wo sie nun lebt. Am 3. Februar liest Asli Erdogan im Wiener Werk X.

STANDARD: Wie geht es Ihnen ein Jahr nach Ihrer Haftentlassung?

Erdogan: Ich habe heute die Papiere für eine zweijährige Aufenthaltsbewilligung abgeholt. Das ist erfreulich. Aber was die Situation in der Türkei angeht, bin ich pessimistisch, es wird jeden Tag schlimmer.

STANDARD: Was ging Ihnen durch den Kopf, als am Wochenende die Türkei in die nordsyrische Provinz Afrin einmarschierte?

Erdogan: Ich habe das erwartet, sie haben es ja laut angekündigt, aber ich war dann doch sehr traurig. Noch mehr schockiert mich aber die Reaktion weiter Teile der Bevölkerung. Mein Land war seit meiner Geburt sehr nationalistisch und militaristisch, aber jetzt sind viele Menschen religiöse Fundamentalisten und sagen Dinge wie: "Ich habe drei Söhne und hoffe, dass sie Märtyrer werden." Fast jeder Tweet, den Leute veröffentlichen, endet mit dem gleichgeschalteten Satz: "Gott sei mit unserer Armee".

STANDARD: Es gibt aber auch andere Tweets. Der Popsängerin Ceylan Ertem wurde ihr Twitter-Account abgedreht, weil sie "Nein zum Krieg" twitterte.

Erdogan: Ja, solche Stimmen werden unterdrückt und sie sind tatsächlich in der Minderheit. Recep Erdogan hat seine Macht voll ausgebaut, selbst die Kemalisten stehen hinter ihm und damit schaufeln sie sich ihr eigenes Grab.

STANDARD: Die Haft war sicher ein prägendes Erlebnis für Sie.

Erdogan: Bei einem posttraumatischen Belastungssyndrom weiß man nie, wann es wieder über einen herfällt. Ich dachte, es geht mir besser, aber letzte Nacht kamen Symptome wie Schlaflosigkeit und Erbrechen wieder. Ich habe im Leben viel erfahren, schwere Vertrauensbrüche von nahestehenden Menschen, Vergewaltigung. Aber die Haft ist mein größtes Trauma. In meinem Alter ist das anders als vielleicht mit 20. Man hält den Schmerz nicht so gut aus, die Schläge ins Gesicht, die Kälte, die Scham. Ich habe mich damit abgefunden, dass ich nie mehr die sein werde, die ich war.

STANDARD: War schreiben psychisch und technisch möglich?

Erdogan: Man konnte Stifte und Notizblöcke kaufen, schlecht und überteuert. Ich machte Notizen. Aber richtig schreiben konnte ich nicht. Mit 23 anderen Frauen eingesperrt ist es auch zu laut dafür. Ich nahm mir vor, nachts zu schreiben, wenn die anderen schliefen, aber da war es zu kalt, um das Bett zu verlassen, sogar die Finger wurden ganz taub.

STANDARD: Konnten Sie lesen?

Erdogan: Häftlinge durften 15 Bücher haben, jetzt nur mehr fünf.

STANDARD: Was hat Sie gestärkt?

Erdogan: Ich habe nicht versucht, mich aufzurichten. Ich las etwa Shoah, die Vorlage für den Film, Zeugenberichte aus Treblinka und Sobibor. Ich saß in Haft und weinte über die ermordeten Juden. Ich las auch Platons Des Sokrates Verteidigung – ein Klassiker für Häftlinge. Und Stefan Zweig.

STANDARD: Die Schachnovelle?

Erdogan: Nein, ich wollte nichts lesen, was von Haft handelt. Etwas anderes von Zweig. Aber sehen Sie, das ist Teil des Traumas: Ich kann mich nicht mehr erinnern.

STANDARD: Haben Sie mitbekommen, dass international für Sie gekämpft wurde?

Erdogan: Es gab Tage, da dachte ich, ich komme nie raus. Ich habe etwa 1000 Briefe und Karten erhalten, aber erfahren, es wurden dreimal so viele geschickt. Ich habe mich einmal kurz im Fernsehen gesehen. Da habe ich gefühlt, draußen muss viel los sein wegen mir. Aber die Regierung hat die Medienberichte bemerkt. Heute weiß ich: Die Solidarität draußen hat mir das Leben gerettet.

STANDARD: Was machen Sie nach den zwei Jahren in Frankfurt?

Erdogan: Ich bin sehr nervös, wenn ich an die Zukunft denke.

STANDARD: Graz, wo sie 2012 und 2013 Exilschreiberin waren, hat Ihnen im Dezember den Menschenrechtspreis der Stadt verliehen.

Erdogan: Ich konnte ihn wegen eines Autounfalls nicht selbst entgegennehmen. Ich habe seit einer Operation 2010 eine Prothese im Nacken und musste nun eine Halskrause tragen.

STANDARD: Aber haben Sie in Haft gehört, dass der Grazer Bürgermeister Siegfried Nagl Ihnen permanentes Asyl anbot? Er schrieb das dem türkischen Botschafter.

Erdogan: Nein! Das wusste ich so nicht! Das ist ja wunderbar!

STANDARD: Sie können sich vorstellen nach Graz zu ziehen?

Erdogan: Ja! Ich freu mich sehr. Ich werde jetzt gut Deutsch lernen.

STANDARD: Sie sollten vielleicht mit dem Bürgermeister reden ...

Erdogan: Das werde ich!

STANDARD: Schreiben Sie zurzeit an einem neuen Roman?

Erdogan: Ich bin zu beschäftigt mit Lesereisen. Stockholm, Kopenhagen, dann Wien. Und wenn ich schreibe, muss ich mich meinem Trauma stellen. Aber das werde ich tun, denn ich muss schreiben. (Colette M. Schmidt, 25.1.2018)

Asli Erdogan wurde 1967 in Istanbul geboren, und studierte Physik, sie war als Wissenschaftlerin in Cern in der Schweiz tätig, bevor sie mit dem Schreiben begann. Zu ihren auf Deutsch erschienene Büchern zählen "Die Stadt mit der roten Pelerine" (Unionsverlag, 2008) und "Nicht einmal das Schweigen gehört uns" (Knaus-Verlag, 2017).