Foto: apa/afp/kowalski

175 Jahre Haft für ehemaligen Teamarzt der US-Turnerinnen

24. Jänner 2018, 19:52

Larry Nassar hat sich an hunderten Sportlerinnen vergangen. Der US-Turnverband soll seine Machenschaften gedeckt haben

Lansing – Der ehemalige Teamarzt Larry Nassar hat im Zuge des Skandals um sexuellen Missbrauch im US-Kunstturnen eine Haftstrafe von 40 bis 175 Jahren erhalten. Ein Gericht in Lansing im US-Bundesstaat Michigan verurteilte den 54-Jährigen am Mittwoch. "Sie verdienen es nicht, jemals wieder das Gefängnis zu verlassen. Ich habe gerade Ihr Todesurteil unterschrieben", sagte Richterin Rosemarie Aquilina.

Am Montag war die Spitze der Geschäftsführung des Turnverbandes US Gymnastics wegen Vorwürfen zurückgetreten, Nassars Machenschaften lange Zeit gedeckt zu haben.

Vor dem Urteilsspruch hatte sich Nassar bei seinen Opfern, unter anderem den Olympiasiegerinnen Aly Raisman und Simone Biles, entschuldigt. "Was ich fühle, ist nichts im Vergleich zu dem Schmerz, dem Trauma und der emotionalen Zerstörung, die ihr spürt", sagte der Angeklagte.

Fast 30 Jahre lang im Amt

Nassar, der nahezu drei Jahrzehnte lang für de US-Verband tätig war und dort junge Turnerinnen unter dem Deckmantel der ärztlichen Behandlung missbraucht hatte, bekannte sich in zehn Fällen schuldig. Mehr als 150 Athletinnen behaupten, dass sich der Mediziner an ihnen vergangen hat und verlasen im Gerichtssaal persönliche Erklärungen.

Viermal gehörte Nasser zum Olympiateam der USA. Zahlreiche internationale Medaillengewinnerinnen haben Nassar mittlerweile des sexuellen Missbrauchs bezichtigt, die prominenteste unter ihnen ist die viermalige Rio-Olympiasiegerin Simone Biles.

Bis zum Mittwoch waren bei dem Prozess 156 Mädchen und Frauen angehört worden, darunter auch mehrere Olympiasiegerinnen. Sie schilderten teils unter Tränen die kriminellen Machenschaften des Mediziners in allen Einzelheiten. Nassar hatte sich im November 2017 schuldig bekannt. In einem anderen Prozess war Nassar wegen des Besitzes von Kinderpornografie bereits zu einer Haftstrafe von 60 Jahren verurteilt worden.

Angela Povilaitis von der Generalstaatsanwaltschaft des Staates Michigan rang in ihrer Abschlussstellungnahme mehrfach um Fassung. "Seine Taten erstrecken sich über 25 Jahre", sagte sie. "Seine Opfer haben diesem Mann mehr als vertraut", sagte Povilaitis. "In Wirklichkeit war er ein Meister der Manipulation."

"Abscheulicher Lügner"

In der siebentägigen Anhörung hatten auch mehrere prominente US-Turnerinnen gegen Nassar ausgesagt, unter ihnen auch Biles. Eindrucksvoll trat vor allem Nassar-Opfer Kyle Stephans auf und nannte den Ex-Mediziner einen "abscheulichen Lügner". Nassar habe seine sexuellen Neigungen ausgelebt und mit "medizinischen Behandlungen" gerechtfertigt, die der Entspannung der Becken-Muskulatur dienen sollten.

Die Anwälte Nassars berichteten am Mittwoch, sie hätten gleichentags Todesdrohungen gegen ihre Kinder erhalten. Anwalt Matthew Newburg sagte, sein Mandant bereue seine Taten zutiefst. Aber eine Entschuldigung sei nicht genug. Die Gefühle Nassars seien nichts im Vergleich zu dem, was seine Opfer hätten durchmachen müssen. (APA, red, 24.1.2018)