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Der Bitcoin ist keine Erfolgsgeschichte

Userkommentar |
25. Jänner 2018, 12:40

Die ursprüngliche Idee hinter Bitcoin, eine Onlinewährung ohne zentrale Rolle für Finanzinstitutionen zu schaffen, ist gescheitert

Eine Währung für irreversible Onlinezahlungen zwischen zwei Vertragsparteien, ganz ohne Einbindung von Trusted Third Parties wie etwa Finanzinstitutionen: Das ist, knapp formuliert, die Grundidee hinter Bitcoin – der virtuellen "Geldeinheit", die 2008 in Form eines wissenschaftlichen Artikels erstmals einem kleinen Kryptografen- und IT-Fachpublikum vorgestellt wurde.

Heute, zehn Jahre beziehungsweise eine globale Finanzkrise später, ist der Bitcoin weltweit in der Mitte der Gesellschaft angekommen. Sein fulminanter Aufstieg, verdeutlicht etwa durch einen Preisanstieg von über 1000 Prozent allein im Jahr 2017, und die Anwendungsmöglichkeiten der ihm zugrunde liegenden Technologie, der Blockchain, prägen seit vielen Monaten die Finanz- und Technikberichterstattung der führenden internationalen Zeitungen. Aber auch in Onlineforen und an Wirtshausstammtischen liefern sich Befürworter und Skeptiker heutzutage leidenschaftliche Wortduelle über das vermeintliche Platzen der Bitcoin-Blase, die mögliche Rolle von Bitcoin im zukünftigen Geldsystem, und den Sinn und Unsinn von diversen Blockchain-Anwendungen und Altcoins.

Die Geschichte des Bitcoin ist zweifellos eine bemerkenswerte Metamorphose vom Spielzeug für Computer-Nerds zum Objekt der Begierde für Finanzinvesoren. Und doch handelt es sich nicht um eine Erfolgsgeschichte, denn der Bitcoin erfüllt heute in keiner Weise den Zweck, für den er einst erschaffen wurde: er ist heute weder dezentral noch eine Währung.

Unattraktives Zahlungsmittel, attraktives Spekulationsobjekt

Dass der Bitcoin keine Währung und seine Bezeichnung als "Cryptocurrency" daher irreführend ist, wird von Ökonomen – allen voran den Notenbanken – immer wieder betont. Zu Recht, denn der Bitcoin erfüllt keine einzige der drei definierenden Merkmale einer Währung: er ist weder allgemein als Tauschmittel akzeptiert, noch wertstabil, noch wird er als Verrechnungseinheit zur Preisauszeichnung verwendet. Dies scheint sich auch mit zunehmender Popularität nicht zu bessern. Im Gegenteil, einige Großunternehmen wie etwa Microsoft oder die Spieleplattform Steam haben kürzlich die Akzeptanz von Bitcoin in ihren Online-Shops wieder eingestellt, da die anhaltend hohe Volatilität des Preises und die wachsenden Transaktionskosten die Verwendung von Bitcoin als Zahlungsmittel immer unattraktiver machen.

Der Grund hierfür ist die zunehmende Nutzung des Bitcoin als spekulatives Investitionsobjekt. Anstatt gegen Güter und Dienstleistungen wird der Bitcoin vielmehr gegen Euro und andere Währungen getauscht, meistens mit dem alleinigen Zweck, von zukünftigen Preisentwicklungen zu profitieren. Die notwendige Infrastruktur wird von international operierenden Tauschbörsen und Onlinemarktplätzen bereitgestellt, auf denen selbst sehr kleine Beträge rund um die Uhr gehandelt werden können. Viele Kunden halten mittlerweile auch ihre Bitcoin-Bestände direkt in den von den jeweiligen Tauschbörsen bereitgestellten virtuellen Geldbörsen ("Wallets"), anstatt diese an externe Geldbörsen zu transferieren. So können sie schneller auf Preisänderungen reagieren und überdies Transaktionskosten zu sparen.

Zentrale Rollen im Bitcoin-Netzwerk

Was einerseits praktisch sein mag, hat jedoch eine wichtige Kehrseite. Denn als Kunde besitzt man selbst üblicherweise nicht den Zugangsschlüssel ("Private Key") für sein bei der Tauschbörse geführtes Wallet, und ist somit zur Ausführung seiner Transaktionswünsche auf das Funktionieren der Tauschbörse angewiesen. Darüber hinaus muss man als Kunde darauf vertrauen, dass sein Guthaben bei der Tauschbörse sicher aufgehoben ist. Den Tauschbörsen kommt also eine sehr zentrale Rolle im Bitcoin-Netwerk zu, vergleichbar mit der Rolle von Finanzinstitutionen und Banken im traditionellen Zahlungsverkehr.

Ähnliches gilt auch für die Bitcoin-Miner, jene Akteure, die Rechenleistung bereitstellen um Transaktionen zu verifizieren und neue Bitcoins zu schöpfen. Während zu Anfangszeiten des Bitcoin tausende Nutzer unabhängig voneinander als Miner agierten und somit frisch geschöpfte virtuelle Münzen relativ gleichmäßig an die Community ausgeschüttet wurden, sieht die Realität heute ganz anders aus. Einige wenige internationale Mining-Pools, die meisten davon in China stationiert, haben durch enormen Resourceneinsatz mittlerweile alle Mitbewerber vom Markt verdrängt. Sie alleine lukrieren nun die "Seignorageeinkünfte" aus der Bitcoin-Herstellung, die entstehenden Kosten – insbesondere Umweltschäden bedingt durch den enormen Stromverbrauch des Bitcoin-Mining – trägt jedoch die Allgemeinheit.

Die Entwicklung des Bitcoin legt heute schon offen, dass dieser seinen ursprünglichen Zweck einer dezentralen virtuellen Währung klar verfehlt hat. Vor diesem Hintergrund ist der Bitcoin sicherlich keine Erfolgsgeschichte – ganz unabhängig von seiner (zukünftigen) Preisentwicklung. (Paul Pichler, 25.1.2018)

Paul Pichler ist Assistenzprofessor für Makroökonomie am Institut für Volkswirtschaftslehre der Universität Wien. Sein Forschungsgebiet umfasst verschiedene Bereiche der Wirtschaftspolitik, insbesondere auch die Geldpolitik.

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