Foto: GEPA Pictures/Christopher Kelemen

Sabine Weber-Treiber: Rollstuhlfahrerin, Mutter, Weltmeisterin

Porträt |
29. Jänner 2018, 08:56

"Wie kannst du ein Kind in die Welt setzen?", wurde Sabine Weber-Treiber gefragt. "Ganz normal", antwortete die nun zweifache Mutter. Seit 2009 ist sie infolge einer Virusinfektion querschnittgelähmt. Im Vorjahr wurde sie Schwimm-Weltmeisterin

Wien – 11. September 2016: "Das war’s jetzt", denkt sich Sabine Weber-Treiber. Nach Platz acht über ihre Spezialstrecke 100 Meter Brust bei den Paralympics in Rio de Janeiro wird die Schwimmerin disqualifiziert. Der Grund: Ihre Fersen haben nach dem Start aus dem Wasser geschaut. Und das darf nicht sein. "Ich kann das aber nicht kontrollieren", sagt die querschnittgelähmte Niederösterreicherin.

Die Enttäuschung ist riesengroß. Vier Jahre lang hat sie sich auf die Spiele vorbereitet. Nur bei den Paralympics stehen Behindertensportlerinnen zumindest ein bisschen im Rampenlicht. Als Weber-Treiber im Flugzeug nach Hause sitzt, denkt sie sich: "So kann ich nicht aufhören."

WM-Gold in Mexiko

7. Dezember 2017: Sabine Weber-Treiber schaut auf die Anzeigetafel, stößt einen Jubelschrei aus, reißt den rechten Arm nach oben. Soeben hat sie das Finale über 50 Meter Freistil bei den Para-Schwimm-Weltmeisterschaften in Mexiko-Stadt klar für sich entschieden. Der Titel ist der größte Erfolg in der Karriere der 39-jährigen Mödlingerin. Aber keine Überraschung. Gold war das Ziel. "Ich bin sehr selbstbewusst ins Rennen gegangen."

Sabine Weber-Treiber schwimmt in Mexiko-Stadt zu WM-Gold über 50 m Freistil.
paralympic games

Nach dem Tiefschlag in Rio macht Weber-Treiber also weiter – aber anders. Weil sie im Brustschwimmen stets Gefahr läuft, disqualifiziert zu werden, spezialisiert sie sich auf den Kraulsprint. Und anders als in anderen Jahren wird sie nicht durch Krankheiten aus der Vorbereitung gerissen. Zudem verliert sie zwei Konkurrentinnen, die aufgrund ihrer progressiven Behinderung jährlich neu eingestuft werden und die Klasse wechseln müssen.

Alles läuft optimal. Dass die WM wegen des Erdbebens in Mexiko um zwei Monate verschoben wird, ist letztlich auch kein Problem. "Die Paralympics", sagt Weber-Treiber, "sind ein Jahr zu früh gekommen". Die nächsten Spiele steigen 2020 in Tokio. Sie sind Weber-Treibers nächstes großes Ziel.

"Wie kannst du ein Kind in die Welt setzen?" – "Ganz normal, biologisch."

Die paralympische Medaille fehlt ihr noch. 2012 in London wird sie Vierte über 100 Meter Brust. Zwei Wochen vor den Spielen erfährt sie, dass sie mit ihrem zweiten Kind schwanger ist. Luisa ist mittlerweile vier Jahre alt. "Wie kannst du ein Kind in die Welt setzen?" sei Weber-Treiber ganz unverblümt gefragt worden. Ihre Antwort: "Ganz normal, biologisch."

Sabine Weber-Treiber vor dem Start bei den Paralympics 2016 in Rio. Dort hatte sie noch Pech.
foto: gepa pictures/christopher kelemen

Zwei Kinder, zwei Wunder

Rollstuhlfahrerinnen wird üblicherweise empfohlen per Kaiserschnitt zu entbinden. Weber-Treiber bringt Luisa auf natürlichem Weg zur Welt – und problemlos. Nur pressen kann sie nicht selbst – das erledigt ihr Mann. Sie wollte keinen Kaiserschnitt, weil man danach nichts Schwereres als das eigene Baby heben sollte. Weber-Treiber muss aber ihren Rollstuhl heben – etwa, wenn sie ins Auto steigt. "Luisa war ein Wunder", sagt sie. Auch ihr erster Sohn, der heute zehnjährige Otto, sei ein Wunder gewesen.

Infolge eines Autounfalls im Jahr 1999 hat Weber-Treiber schon damals eine inkomplette Querschnittlähmung – allerdings ohne neurologische Ausfälle. Weber-Treiber kann noch gehen. Den Hockeysport muss sie aber aufgeben. Die Niederösterreicherin war Nationalspielerin. Die Ärzte sagen ihr damals, dass sie keine Kinder bekommen könne. Acht Jahre später ist Weber-Treiber schwanger. Eine schwierige Schwangerschaft. Sie hat starke Rückenschmerzen, die auch nach der Entbindung nicht besser werden. Zudem ist sie sehr anfällig für Krankheiten.

Querschnittlähmung durch Wirbelsäuleninfarkt

Es ist ein Morgen im Februar 2009, als Weber-Treiber ihren Mann bittet, noch nicht seine Dienstreise anzutreten. Nach einer Nacht mit Schmerzen hat sie ein ungutes Gefühl. Sie geht auf die Toilette. 14 Tage später wacht sie im Krankenhaus auf. "Ich bin vom Klo nicht mehr aufgestanden. Ich hatte quasi einen Kurzschluss in der Wirbelsäule." Eine Virusinfektion hat den Wirbelsäuleninfarkt ausgelöst.

Fortan ist Sabine Weber-Treiber, damals 30 Jahre alt, auf den Rollstuhl angewiesen. Noch im Spital kommt die Idee einer Paralympics-Teilnahme auf. In der Reha schwimmt sie. "So blöd stellst dich gar nicht an", sagt Thomas Rosenberger zu ihr. Er ist bis heute Weber-Treibers Trainer.

Sie probiert sich auch im Rollstuhlrugby. "Aber nur zum Spaß." Schwimmen wird mehr als nur Spaß. Im November 2009, ein halbes Jahr nachdem sie aus dem Krankenhaus entlassen wird, absolviert sie ihren ersten Wettkampf. 2010 gewinnt sie ihre ersten Staatsmeistertitel, 2011 wird sie Sechste bei den Europameisterschaften. 2014 holt sie EM-Silber. Und nun eben der WM-Titel.

Sabine Weber-Treiber: "Ich nütze die Eigenschaften des Wassers aus, in dem ich die Welle der Bewegung optimal zu nutzen versuche."
foto: apa/afp/pedro pardo

Im Jahr 2017 erhält sie keine Förderungen, finanziert sich das Training selbst. "Es war knapp." Dafür ist sie frei in der Trainingsgestaltung. So geht sie etwa Skifahren oder schwimmt im Meer in Kroatien. 30 bis 35 Stunden trainiert Weber-Treiber in der Woche. 25 Stunden arbeitet sie – als Kommerzkundenbetreuerin bei der Erste Bank. Alle 14 Tage gibt sie Turnunterricht an einer Sonderschule. Und ihre eigenen Kinder wollen auch betreut werden. Weber-Treiber ist gut organisiert.

Immer auf das höchste Gebäude

Vor der WM in Mexiko plant sie mittels einer Excel-Liste, wer, wann auf welches Kind aufpassen würde. So kann sie sich vor Ort auf den Sport konzentrieren. Und auf ein bisschen Sightseeing. In jeder Stadt ist ein Museum und das höchste Gebäude Pflicht für Weber-Treiber. In Köln ist das dummerweise der Dom. Weber-Treibers Mann trägt sie die Stufen hinauf auf den Südturm. In Mexiko seien die Gehsteige "spannend" gewesen. Bei den U-Bahn-Stationen tragen Polizisten Rollstuhlfahrer und Rollstuhlfahrerinnen über die Treppen. "Sie sind sehr hilfsbereit und wissen genau, wo sie anpacken müssen."

Auch in Österreich ist in Sachen Barrierefreiheit nicht immer alles optimal – etwa, wenn es um Toiletten oder um den öffentlichen Verkehr geht. Weber-Treiber ist meistens mit dem Auto unterwegs. Sie ärgert sich, wenn Behindertenparkplätze von Nichtbehinderten benutzt werden. Oder wenn Menschen eine körperliche mit einer geistigen Behinderung verwechseln. "Die meisten Barrieren", sagt sie, "sind in den Köpfen." Der Sport jedenfalls baue Barrieren ab. Auf ihrer Website steht: "Nothing is impossible." (Birgit Riezinger, 29.1.2018)